Neue deutsche Höhlenmalerei

- Wie verteilt man 750 Besucher auf ein Gebäude, so ausgedehnt wie das der Münchner Akademie der Bildenden Künste? Ein logistisches Problem, hervorgerufen durch verschärfte Brandschutzbestimmungen. Wenn sich die Pforten der Akademie zu einer neuen Jahresausstellung auftun, dann werden alle Flure, Treppenhäuser und das Foyer frei bleiben von Exponaten - weil sie Fluchtwege sind. Die Klassen wissen sich zu helfen: Der Studiengang Architektur/ Design rettet sich ins Zweidimensionale, bemalt, beklebt, beschreibt den Gang. Während Horst Wittmann ein weit sichtbares Zeichen nach außen hin setzt: Leuchtende Quader stoßen aus neun Fenstern.

Durch den begrenzten Platz müssen sich oft mehrere Gruppen einen Raum teilen. Mit einer Stuhl-Höhle schafft sich die Klasse von Professor Dillemuth dennoch ihre eigene, versteckte Schatzwelt, eine "Neue deutsche Höhlenmalerei aus vier Jahrhunderten", die man mit einer Taschenlampe entdecken muss. Hier bleibt die Zeit stehen, während draußen die schnelle, bunte Welt der "McPaint - Fast Paintings by Original Bachelors of Art" wütet: Ironisch umjubelt die Dengler-Klasse die neuen einebnenden Studienprofile in sechs "leicht verdaulich dosierten Häppchen", Modulen der Malerei.Eines der kreativsten Schau-Designs stammt von den Schmuck-Künstlern (Klasse Künzli): Sie präsentieren ihre Werke auf den unterschiedlichsten Tischen, "aufgebockt" auf Blumenkübeln, Verfassungsgesetzen, Otto-Katalogen oder Getränkekästen. Darauf sind etwa die Glasketten von Helena Biermann zu bestaunen, die sie mit Samen und toten Insekten aus ihrer Heimat Kolumbien gefüllt hat. Nicht selten ist das Material-Aufgebot bizarr: Franziska Nickel und Patricia Kaiser formen verstümmelte Puppen aus Silikon, Bauschaum, Latex, Pappmachee und Drainagerohren.Da Sanierung und Neubau noch nicht fertig sind, wurden wieder einige Klassen ausgelagert in die Gebäude in der Dachauer Straße. Das verlängert den Gang durch die faszinierende Vielseitigkeit eines Akademie-Lebens - aber: Überdruss ist ausgeschlossen. Gegenüber der Akademie, wo Büroräume leer stehen, da liegt schon seit einem Jahr der Observierungsraum von Rosanna Schumacher und Carsten Recksik. Hier stehen zwei Monitore, welche die Eingangstreppe zur Akademie Tag und Nacht im Blick behalten; hier stapeln sich Video- und Tonbänder, hängen Fotos, Grundrisse, und Kontaktabzüge. Stimmt das Vorurteil etwa, dass an einer Kunstakademie die allgemeine Faulheit herrscht? Keiner kommt, keiner geht?Die beiden Studenten sind nicht nur dieser Frage auf der Spur. Vielleicht werden ja auch sie es sein, die von nun an per Kamera die 750 zugelassenen Besucher der Jahresausstellung zählen. Und immer schön auf Torsten Mühlbachs und Alfred Kurz' "Trojanischen Schaukelhirschen" aufpassen. Der nämlich könnte leicht einen blinden Passagier in die Akademie schmuggeln.

Bis 15.7., tägl. 12-20 Uhr. Akademiestr. 2, Dachauer Str. 112. Tel. 089/ 38 52 0.

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