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Der neue Direktor des Bayerischen Nationalmuseums, Frank Matthias Kammel.

Interview

Die Besucher anspitzen

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Der neue Direktor des Bayerischen Nationalmuseums, Frank Matthias Kammel, über Pläne, Probleme, Potenziale

Frank Matthias Kammel (Jahrgang 1962) ist nun zwei Monate Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums. Er war stellvertretender Chef am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und reifte dort zum erfahrenen Manager und zugewandten Kunstvermittler – auch durch seine Expertise bei der BR-Sendung „Kunst und Krempel“. Die Ferien mit der Familie sind durch den Wechsel fast ganz passé, der Prachtbau an der Prinzregentenstraße mit seiner Überfülle an Schätzen vom ländlichen Haferl bis zum Nymphenburger Porzellan, von der halben Kapelle bis zum kompletten Barockzimmer, von Heiligen bis zu Kripperln, von Waffen bis zum Schmuck benötigt enormen Einarbeitungsaufwand.

Haben Sie schon einen Überblick, oder ist es eher ein Einblick?

Kammel: Bei den Schätzen ist es sicher erst ein Einblick. Ich habe schon immer den Außenblick gehabt, jetzt durch die neue Dauerausstellung „Barocker Luxus“ habe ich Werke gesehen, die ich bisher nur aus der Literatur kannte. Der richtige Überblick entsteht erst in den folgenden Monaten, wenn ich die Depots begehe. Es gibt jedoch einen anderen Überblick! Der betrifft meine Mitarbeiter – und die vielen, vielen Probleme.

Konkret welche?

Kammel: Es gibt Probleme, die jedes Museum hat. Das sind diejenigen mit der Gebäudesubstanz und der Technik. Wir gehen mit einem Bau aus der vorvergangenen Jahrhundertwende um, der nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde und momentan nur zum Teil auf den Standard eines Museums gebracht ist, den wir benötigen. Das ist schwierig, weil wir in einem denkmalgeschützten Haus sind und weil der Freistaat nicht so reich ist, wie er sich immer geriert. Das muss ich in aller Deutlichkeit sagen. Das erschüttert mich. Ich bin zum Staat gekommen vom Germanischen Nationalmuseum und vorher von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Da ist die Schere enorm, die sich auftut zwischen dem, was Bayern von sich behauptet, und wie es wirklich finanziell aussieht.

Zu einem erfreulicheren Thema: Was ist Ihr Lieblingssaal?

Kammel: Oh, das ist schwer. Ich habe mehrere Lieblingssäle. Beim einen Saal ist es der Bestand. Das ist der grandiose Saal mit den Elfenbein-Werken, der gerade eröffnet worden ist. Das Bayerische Nationalmuseum hat im Bereich der Elfenbeinkunst mindestens den Stellenwert, den das Kunsthistorische Museum in Wien hat. Es gibt Säle, die in ihrer Struktur interessant sind, obwohl sie in ihrer Substanz verkommen sind, etwa der Kirchensaal.

Eigentlich ein Traum.

Kammel : Ja! Was ich imponierend finde, ist das Treppenhaus. Es ist eines meiner Ziele, dass es wieder seiner architektonischen Aura entsprechend wirken kann. Da muss vom Foyer bis ganz hinauf etwas passieren!

Als Sie hier vorgestellt wurden, kündigten Sie bereits eine Ausstellung an. Es soll um den Menschen und sein liebstes Haustier gehen.

Kammel: Kommt man neu an ein Haus, ist es schön, wenn nicht allzu viel vorbereitet ist. Meine Vorgängerin (Renate Eikelmann, Anm. d. Red.) hat noch zwei Riesenprojekte vollendet. Da ist es klar, dass nicht viel anderes geplant wurde. Ich kann also gestalten. Das hat jedoch einen Pferdefuß, weil 2019 vor der Tür steht. Ich musste schnell überlegen. Da ich Thomas-Mann-Fan bin und 1919 „Herr und Hund“ erschienen ist – eine „Idylle“, die in München spielt –, habe ich mir gedacht: Mensch und Hund, das ist etwas, was uns alle stark beschäftigt.

Was zeigt man dazu - auch den Wackeldackel?

Kammel: Wir im Haus sind gerade auf der Suche nach Exponaten. Wie spiegelt sich die Beziehung von Mensch und Hund in der Kunst, und zwar von „high“ bis „low“? Wir hoffen auf eine pfiffige, witzige Schau. Sie soll ein Prototyp werden, wie man sich am Bayerischen Nationalmuseum in Zukunft Präsentationen vorstellen kann. Sonderausstellungen flankieren ja das Museum – und sie müssen das klug tun. Ich werde weder Expositionen einkaufen noch übernehmen. Sonderausstellungen sind wechselnde Schaufenster des Museums. Deren Schausammlungen müssen hingegen seriöser sein, denn sie stehen viel länger. Dieser Dialog könnte auch das Image des Museums, Ehrfurcht gebietend zu sein, korrigieren.

Sie kündigten ebenfalls an,  Ihr neues Haus vor allem geistesgeschichtlich ausrichten zu wollen. Wie würde sich das auf die diversen Dauerausstellungen auswirken?

Kammel: Wir entwickeln einen Masterplan, zumal zwei Drittel des Hauses noch nicht saniert sind. Wie soll es irgendwann mal aussehen? Dann schauen wir, wie schnell geht was? Daran wird man ermessen können, ob zum Beispiel die Krippensammlung, Mittelalter und 19. Jahrhundert eine horizontale oder doch vertikale Sanierungsstrecke im Osten des Baus werden. Wir müssen überlegen, ob wir ganze Sammlungen durchstrukturieren oder einzelne Teile. Ich nenne ein Beispiel. Im Mittelalter – und wir besitzen eine großartige Sammlung – haben wir eine diffuse Schau, die seit der Nachkriegszeit gewachsen ist. Scherenschnittartig vorgestellt: Es gibt Räume, in denen die altbayerische und die schwäbische Spätgotik miteinander verglichen werden, außerdem ist da noch ein Raum mit fränkischer Spätgotik. So etwas ist für Kunsthistoriker interessant. Aber man muss fragen: Ist das spannend für alle Menschen?

Eher nicht.

Kammel: Die Besucher stellen eben andere Fragen. Und von diesen Fragen her würde ich die Exposition gern entwickeln: Was ist Mittelalter? Welchen Ausschnitt davon zeigen wir? Jetzt zu 95 Prozent sakrale Kunst. Das macht zu einem großen Teil das Mittelalter aus hinsichtlich seiner Überlieferung. Die profane Überlieferung steht vor allem noch als Gebäude. Vom Leben der Menschen jedoch, insbesondere der Unterschicht, wissen wir sehr wenig. Deswegen sind wir im Museum eingeschränkt,  trotzdem  kann man andere Fragen formulieren. Ich  könnte etwa dem Thema Innovation nachgehen. Warum gab es solche Zentren wie Nürnberg und Augsburg? Was sind Innovationen und wie haben sie sich entwickelt? Damit möchte ich Besucher anspitzen. Die merken plötzlich, dass es nicht nur heutzutage Innovationen gibt.

Das normale Leben der Menschen spielt demnach eine Rolle.

Kammel: Ich möchte im kommenden Doppelhaushalt das Konzept für die Alltagskultur – auch Volkskunde genannt – aufstellen. Wie vermittelt man, wie Menschen früher gelebt haben, wie ihre Gedankenhorizonte aussahen? Und zugleich will ich fragen, was ist dabei ganz anders als unsere Welt oder was ist unglaublich nah? Ich möchte Menschen ansprechen und zeigen, dass sie bei uns in eine vergangene Lebenswelt eintauchen können und doch sehen: Das wirkt ja weiter!

Sowohl bei Ihrer alten Wirkungsstätte als auch bei der neuen steckt „national“ im Namen. Ein Wort, das in heutigen Ohren problematisch klingt. Warum ist es wichtig?

Kammel: Ich denke, das ist ein Problem der Deutschen, dass alles, was „national“ ist, schlecht ist. Man sollte immer zu seiner Vergangenheit stehen; die Deutschen haben das auch getan. Der Makel wird bleiben. Aber jede andere Nation mag Nationalmuseen, weil sie dort etwas über sich erfährt. Auf solche Museen dürfen auch wir stolz sein. In Bayern zu leben – da kann man eh stolz sein. Museumsnamen sind nie ganz unbelastet. Ich muss meist wissen, was damit gemeint ist, oder ich muss ein Image im Kopf haben – und dann ist mir der Name egal. Das ist das Erste.

Die historische Dimension ...

Kammel: Der zweite Punkt, und das ist der, den Sie meinen: Nationalmuseen sind Konstrukte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals war „national“ ein absolut positiver Begriff und hatte nichts mit Nationalismus zu tun. Alle haben sich eine Nation gewünscht, denn das hat bedeutet: keine zerstückelten Länder mit tausend Grenzen und Schikanen. Die Vereinigung hat einst nicht geklappt – deswegen kam der Versuch auf kultureller Ebene etwa durchs Germanische Nationalmuseum, das alle Deutschsprachigen mit einschloss. Und Bayern: Es hat sich mit den Staatsgrenzen gewandelt wie eine Amöbe. Schließlich hat man sich im 19. Jahrhundert gesagt, dass es viele neue Gebiete gibt, die nichts mit Altbayern gemein haben – aber wir wollen, dass alle gut zusammenleben. Das ist doch enorm fortschrittlich.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

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