Neue Funde des Notenschnüfflers

Kloster Irsee - Vor fünfzehn Jahren rief Dirigent Bruno Weil gemeinsam mit dem kanadischen Ausnahmeorchester "Tafelmusik" und dem Tölzer Knabenchor im schwäbischen Kloster Irsee das Festival Klang & Raum ins Leben. "Wir mussten Überzeugungsarbeit leisten", erinnert sich Weil heute. "Zumal damals hier im bayerischen Raum historische Aufführungspraxis so gut wie nicht gefragt war. So habe ich etwas aus dem Nichts heraus gestaltet, und zwar nach dem amerikanischen Donatoren- Modell."

Wie das Sponsoring funktioniert, hat Weil über lange Jahre zuvor schon beim ältesten amerikanischen Musikfestival, dem Carmel-Bach- Festival gelernt, dessen Leitung er ebenfalls bis heute innehat. In Irsee schloss Weil im letzten Jahr mit einem Rekordergebnis ab. Die Besucher kommen mittlerweile aus aller Welt. Von Anfang an arbeitete Klang & Raum mit Instrumenten historischer Aufführungspraxis. Und von Beginn an ging es darum, Musik des 18. Jahrhunderts im Raum des 18. Jahrhunderts aufzuführen. Das war und ist die Philosophie von Klang & Raum.

"Es mag überraschen, dass wir jetzt erst Musik von Meinrad Spieß, dem damaligen Prior des Klosters Irsee im Programm haben", sagt Bruno Weil. "Immerhin galt er ja als bedeutender Vertreter des süddeutschen Barock im 18. Jahrhundert. Doch in Irsee fand sich keine einzige Note mehr von ihm, was mit der Zerstörung des Klosters im 19. Jahrhundert und der Säkularisierung zu tun hat."

Weil hält Meinrad Spieß (1683-1761) für überaus wichtig, und es hat Jahre gedauert, bis er herausbekam, wo sich überhaupt Originale von Spieß befanden. Der Dirigent bekennt sich gerne als Notenschnüffler: "Das Violinkonzert von Spieß, das als verschollen galt und angezweifelt wurde, habe ich in der Universitätsbibliothek von Uppsala gefunden." Abschriften des Stücks liegen übrigens in der Bayerischen Staatsbibliothek.

Dass dies bekannt wurde, ist Weil zu verdanken. Nach den Abschriften wird das Tafelmusik- Orchester dieses in der Form à la Vivaldi geschriebene Violinkonzert am 2. September in einer Matinee uraufführen. Spieß, von dem es vor allem geistliche Musik gibt, steht somit heuer im Mittelpunkt des Festivals, das am 25. August beginnt. Ein Symposion beschäftigt sich mit ihm und der ehemals berühmten Mizlerschen Gesellschaft, deren Mitglied er war. Unter den Spieß-Werken, die Weil in Ottobeuren gefunden hat, ist auch ein "Miserere". Dies sei ein Stück, "das undenkbar ist ohne das Stabat Mater von Pergolesi", meint der Festivalchef. "Spieß muss es gekannt haben. Es enthält zudem schon leichte Anklänge an das Mozart-Requiem." Beide Werke erklingen denn auch gemeinsam im Abschlusskonzert am 2. September um 17 Uhr, es singt der Tölzer Knabenchor. Bruno Weil hofft, dass mit diesen Aufführungen zukünftig stär keres Interesse an Spieß geweckt wird. Neben seinen Werken stehen vom 25. August bis 2. September unter anderem Heinrich Ignaz Franz Bibers "Rosenkranzsonaten" mit Elizabeth Wallfisch auf dem Programm. Udo Wachtveitl liest dazu biblische und Rilke- Texte. Der Beethoven-Zyklus wird fortgesetzt, ein Zyklus der Mozart-Klavierkonzerte mit Ronald Brautigam begonnen. Und die Jugend ist unter dem Motto "Pirates of the Baroque" (Barock-Piraten) geladen. Dabei dreht es sich um geraubte Meisterwerke und verschollene Juwelen des Barock mit dem originellen Ensemble "Red Priest".

Für Dirigent Bruno Weil keine Frage, wo während der Aufführungen naturgemäß sein Platz sein wird: "Bei den meisten Konzerten habe ich nur einen Stehplatz."

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