Neue Pinakothek: Den Geist des Untergangs wecken

München - Carl Schorns spektakuläres Werk "Die Sintflut" ist das größte Gemälde der Neuen Pinakothek. Derzeit wird es für eine Ausstellung restauriert.

Verzweiflung, Hoffnung, Wehklagen, schlichtweg die pure Not offenbaren sich auf rund sechs Mal acht Metern: "Die Sintflut" wurde zwischen 1845 und 1850 von Carl Schorn in München gemalt.

Die Leiber, die ringenden Menschen, die sie niederreißenden Fluten und die fast kaum zu sehende Arche Noah im Hintergrund waren Jahrzehnte unter einer beschwichtigenden Dreckschicht verborgen. Jetzt wird das monumentale Bild über die Menschheitsgeschichte wieder gut sichtbar und mit neuer Intensität mahnen.

Das Münchner Haus der Kunst hat mit einem Ausstellungsprojekt den seit 1939 im Depot schlafenden Geist des Untergangs geweckt. Bis die Wucht des Schicksals ab 30. Mai in der Schau "Die Kraftprobe" hängen wird, sind indes noch viele fleißige Hände nötig: Insgesamt 600 Arbeitsstunden investieren die Restauratoren und Helfer in der Neuen Pinakothek in das Bild.

Wenn sie die riesige Leinwand zum ersten Mal, aufgezogen auf einen neuen Keilrahmen, aufstellen, wird das ein historischer Moment werden: Wie überlebt dieses "Segel" die Bearbeitung, wie wirkt das frisch gereinigte Geschichtszeugnis?

"Eigentlich ist es ein Wahnsinn, so ein großes Bild für einen derart kurzen Zeitraum aus dem Depot zu holen", sind sich die Restauratorinnen Renate Poggendorf und Barbara Staudacher einig. Doch letztlich ist die Ausstellung von Ende Mai bis Ende August "eine Strapaze und ein Gewinn" zugleich. Sonst hätte man nie um diesen Schatz gewusst, wären die intensiven Farben des Untergangs nie mehr zum Leuchten gekommen und wäre auch die Qualität Carl Schorns nicht mehr erkannt worden. Dafür lohnt es sich doch, nach vielen Vorarbeiten, nun konkret zwischen Mitte Januar und Anfang April zu restaurieren. Seitdem locken die Arbeiten in der Pinakothek auch immer wieder die Zuschauer an.

Weil kein anderer Raum groß genug war, wird die "Sintflut" unter den Augen der Öffentlichkeit in Saal 13 bearbeitet, bevor sie unter viel Aufwand wieder abgespannt, gerollt und ins Haus der Kunst transportiert wird ­ um nach drei Monaten wieder in den Depots der Pinakothek zu verschwinden. "Wir haben die Aufgabe, den Bestand zu sichern und auch zu zeigen", räumt Renate Poggendorf, leitende Restauratorin für die Sammlungen des 19. Jahrhunderts am Doerner-Institut, jeden Zweifel am Sinn des Unternehmens aus. Da das aber nicht alles nebenher zu bewältigen ist, wurde der Auftrag für die "Sintflut" an Barbara Staudacher von den Münchner Werkstätten für Restaurierung vergeben.

Dass Schorn im Auftrage König Ludwigs I. beste Arbeit geleistet hatte, stellte sich bald heraus: Das Bild ist in einem relativ guten Zustand, auch wenn Keilrahmen und Rahmen fehlten. Die 160 Jahre alte Malschicht ist noch elastisch und gut verbunden und hat nur kleine Abplatzungen, die man mit Kitt auffüllt und so retuschiert, dass sie für den Laien nicht mehr erkennbar, aber im Zweifelsfall später wieder rückgängig zu machen sind.

Massiver waren da die Schäden in der Leinwand: Der unbemalte Rand des Stoffes war instabil. 30 Meter mussten rundherum angestückt und sorgsam verklebt werden. Auch bei einer alten Kante, die einmal umgeknickt und umgenagelt war, mussten die Löcher mit Fadenbrücken gefüllt werden.

Eine Spezialfirma in Leipzig hat den neuen Alu-Keilrahmen gefertigt. Wenn man das Bild nun darauf aufzieht, wird es richtig spannend: Welcher Zug ist gut für das Bild, sodass die Wellen (von der Lagerung auf einer großen Rolle) zwar eben, aber die Belastungen nicht zu groß werden? Unwillkürlich stellt sich da auch die Frage, wie man das wohl damals gemacht hat. Wo malte man überhaupt dieses Riesengemälde, als es noch keine Akademie gab und wenige große Hallen? Woher kamen die gigantische Leinwand und der Rahmen? Darauf weiß man bisher keine Antwort.

Und genau das ist das Schöne an der Restaurierung: Mit der "Sintflut" hat sich also nicht nur ein Glanzpunkt aus der Blütezeit der Münchner Malerei erschlossen. Die Verantwortlichen fangen nun vielmehr damit an, sich Gedanken zu machen, wie man früher einen solch immensen, kunstvollen Aufwand wohl bewältigt hat.

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