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Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa

So ist der neue Roman von Mario Vargas Llosa

München - Mit dem grausamen Regiment der „Kautschukbarone“ in Afrika befasst sich das neue Werk von Mario Vargas Llosa. Der Literatur-Nobelpreisträger porträtiert in seinem historischen Roman einen Einzelkämpfer gegen diese Gräueltaten.

Zu den dunkelsten Kapiteln der ohnehin düsteren Geschichte des Kolonialismus zählt die Kautschukproduktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mächtige weiße Männer, sogenannte „Kautschukbarone“, die in Afrika Geld verdienen wollten, trieben die Eingeborenen im Kongo erbarmungslos zur Arbeit an. Wer sich weigerte, wurde erschossen. Wer zu wenig leistete, wurde verstümmelt. Alle Gräueltaten fasst ein erschütterter Diplomat in Berichten zusammen, die in seiner Heimat einen Skandal auslösen und indirekt das Ende der Kolonialzeit einläuteten.

Der Ire Roger Casement (1864-1916) will im Auftrag der englischen Krone den zivilisatorischen Fortschritt in den Kongo bringen, in das riesige Gebiet, das der belgische König Leopold II. als Privateigentum betrachtete. Sein berühmt gewordener Casement-Report über die unmenschliche Ausbeutung der afrikanischen Stämme bringt Casement daheim in Europa größte politische Anerkennung und einen Adelstitel ein.

Folter, Willkür, Gier, Sklaverei und unbeschreibliche Grausamkeit, diese dunklen Seiten des Kolonialismus, die auch bei seinem Freund Joseph Conrad in „Herz der Finsternis“ deutlich werden, lassen Casement später zum militanten irischen Patrioten werden. Er agitiert in Deutschland gegen die Herrschaft der Briten über die Iren, wird kurz vor dem Dubliner Osteraufstand 1916 ins Gefängnis geworfen und drei Monate später gehängt. Erst spät rehabilitiert man Casement, heutzutage gilt er in Irland als Nationalheld.

Dass man ihn seiner Tagebuchaufzeichnungen wegen als homosexuell verdächtigt, was damals für ein hartes Urteil ausgereicht hätte, deutet Vargas Llosa in der umfangreichen Biografie dieses ungewöhnlichen Mannes nur leicht an. Das Einzigartige an Casement ist schließlich etwas anderes: Ein Einzelner kämpft allein auf weiter Flur gegen das Unrecht, dabei einzig seinem Gewissen verpflichtet. Die Recherche, die Vargas Llosa für den historischen Roman „Der Traum des Kelten“ betrieben hat, scheint gigantisch. Zumindest liest sich der Danksagungsteil so. Üppig detailliert sind viele Beschreibungen, und die Faktenfülle erschlägt den Leser schier. Der Anspruch auf historisch-biografische Genauigkeit ist ehrenwert. Die Dialoge stauben allerdings arg angesichts der vielen Informationen, die in jedem Satz eingebaut sind. In ausufernden Gesprächen mit Missionaren und anderen Geistlichen geht es immer wieder um die katholische Kirche und die Menschenrechte. Man muss schon einen langen Atem haben, bis man sich in „Der Traum des Kelten“ eingearbeitet hat, die Vita Casements jenseits des Gutmenschentums allmählich in Schwung kommt und der von Vargas Llosa beinahe als Erlöserfigur Stilisierte endlich im Gefängnis sitzt. Da prunkt der peruanische Autor mit dem, was seine besten Romane auszeichnete und ihm 2010 den Nobelpreis einbrachte: die scharfsinnige, kritische Analyse bestehender Verhältnisse. Er schlägt den Bogen von der Folter in Afrika zum Reichtum Europas und verdeutlicht mit Nachdruck, wem wir unseren Wohlstand eigentlich zu verdanken haben.

Die Kapitel über den irischen Freiheitskampf haben den Autor anscheinend weniger interessiert, entsprechend hölzern sind sie geschrieben. Die Gesamtstruktur des Romans ist Vargas Llosa-typisch elegant, die Abfolge der Kapitel klug komponiert; jedes zweite spielt in der Todeszelle, in den anderen wechseln sich Erinnerungen mit Gesprächen, Kindheitstagen und breiten Panoramabetrachtungen ab.

Leider häufen sich Floskeln und Phrasen, die man in historischen Biografien oftmals findet. Ein paar Seiten weniger, dafür mehr Herzblut, und man würde bis zum letzten Satz erschüttert den Atem anhalten.

Ulrike Frick

Mario Vargas Llosa: „Der Traum des Kelten“. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar, Suhrkamp Verlag, Berlin, 446 Seiten; 24,90 Euro.

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