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Josef Scharl: „Gefallener Soldat“, 1932, Öl auf Leinwand.

Ausstellung

Neue Sachlichkeit im Lenbachhaus: An der Seele gepackt

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München - Zum Teil noch nie gezeigte, frisch restaurierte Arbeiten sind in der neuen Dauer-Präsentation "Menschliches, Allzumenschliches – Die Neue Sachlichkeit im Lenbachhaus" zu sehen.

Das „Blaue Pferd“ ist für eineinhalb Jahre von seiner großzügigen Weide auf eine kleinere Koppel gesprungen: Die Städtische Galerie im Lenbachhaus möchte nämlich eines ihrer Kinder, das wir alle eher stiefmütterlich behandeln, kräftig herausstreichen. Also wurde der große Blauer-Reiter-Saal für die Neue Sachlichkeit geräumt. Und die zuständige Kuratorin Karin Althaus hat unter dem Titel „Menschliches, Allzumenschliches – Die Neue Sachlichkeit im Lenbachhaus“ eine kompakte, griffig argumentierende und überraschend vielseitige Präsentation mit zum Teil noch nie gezeigten, frisch restaurierten Arbeiten zusammengestellt.

Otto Dix: „Mutter mit Kind“ aus dem Jahr 1923, Öl auf Sperrholz.

Für Museumschef Matthias Mühling war wichtig, dass sich gerade in dieser Sammlung die politische Geschichte – Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit – und die Geschichte des Lenbachhauses verknüpfen lassen. Deren erster Direktor, Eberhard Hanfstaengl, habe ab 1925 Zeitgenössisches angekauft – eben Neue Sachlichkeit. Die späteren Leiter der Galerie hätten das fortgeführt. Zwei massive Lücken seien allerdings geblieben: bei den Malerinnen und beim Verismus. Diese Lücke konnte aktuell mit zwei hochkarätigen und überraschend lang bei uns weilenden Leihgaben geschlossen werden, und zwar mit dem süffisanten Alltagssex-Kommentar „Mann und Frau“ von George Grosz (Privatsammlung) und mit „Mutter mit Kind“ von Otto Dix (Kunstmuseum Stuttgart), einem intensiv irritierenden und faszinierenden Werk – weil weit, weit weg von jeglicher Madonnen-Lieblichkeit. Das zweite Loch bleibt relativ groß. Neben der Münchnerin Erna Dinklage hat man jetzt wenigstens noch Lotte Lasersteins Frau „Im Gasthaus“ dazugewonnen. Und damit nicht nur ein Gemälde voller Chic und Raffinement, sondern auch eines, das eine moderne Frau dokumentiert. Die geht ganz entspannt alleine (!) in eine Wirtschaft.

Lotte Laserstein: „Im Gasthaus“, 1927, Öl auf Holz.

Schon an diesen Beispielen lässt sich die Vielfalt der neusachlichen Werke ablesen, die wie Althaus unterstreicht, alle Klischees wegfegen: von wegen „sachlich“, „kühl“, „heilend“. Sicherlich gibt es die Utopie einer „heilen Welt“ in Dinklages bukolischen Gefilden, die sie in einer Art naivem Duktus anlegt, oder in Georg Schrimpfs mediterraner Steilküste samt versonnenem Mädchen. Aber es gibt außerdem den Sarkasmus, den Menschheits-Appell, die Selbstbefragung, Porträts, die in die Renaissance zurückgreifen oder die den Arbeiter feiern, es gibt die Tendenz zum Magischen Realismus, der sich mit dem Surrealismus berührt. Ausgerechnet Christian Schad, der Allersachlichste, Nüchternste, sei gar nicht an der Gründungsausstellung der Neuen Sachlichkeit 1925 in der Mannheimer Kunsthalle beteiligt gewesen, erzählt Karin Althaus. Im Lenbachhaus ist sein berühmtes Bild „Operation“ schon lange daheim. Bereits 1925 war Kurator Gustav Hartlaub klar, dass es nur eine Gemeinsamkeit der neuen Tendenz gibt – die deutlich betonte Gegenständlichkeit.

Die informativen Erläuterungen neben den Exponaten greifen noch ein weiteres Klischee an, das von politisch rechts oder links. Beispiel: Schrimpfs ruhige, sozusagen „klassizistische“ Malweise passte den Nazis; er wurde 1933 außerordentlicher Professor. Vier Jahre danach sollte er die ordentliche Professur bekommen und wurde gründlich überprüft. Da stellt sich heraus, dass er rund 15 Jahre zuvor stramm links gehandelt hatte;  aus  war’s mit dem Amt, und plötzlich war seine zuvor genehme Kunst „entartet“. Ähnliche Widersprüchlichkeiten finden sich immer wieder bei den figurativen Künstlern.

Was uns heute am meisten bewegt, ist die Begegnung mit den Menschen. Das ist logischerweise nur in einer relativ realistischen Form möglich, und da hat die Neue Sachlichkeit ihre Stärke: Sei es die zu Herzen gehende Holzplastik „Joseph“, ein armer Bub, den Christoph Voll liebevoll schuf; sei es das 15-fache Selbstbildnis von Alfred Hawel, der mit seinen Identitätsverwirrungen kämpfte; sei es Max Radler, der in seinem an einem urigen Röhrenapparat Lauschenden das menschliche Hören als konzentriertes In-die-Welt-Hinausdenken feierte. Deswegen packt Josef Scharls tot im Stacheldraht hängender Soldat unsere Seele mehr als Franz Radziwills mystische Kriegslandschaft.

Bis Ende 2015 täglich außer Montag 10–18 Uhr, Di. bis 21 Uhr; Telefon 089/ 233 320 00.

Von Simone Dattenberger

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