Neue Schmuse-Zone

- "91% haben hier noch nie ein Kunstwerk erworben", steht über dem Eingang zur Großen Kunstausstellung München 2004. Dennoch präsentieren sich unverdrossen und traditionsbewusst Neue Gruppe, Münchener Secession und Neue Münchner Künstlergenossenschaft mit einer jurierten Verkaufsschau im Haus der Kunst. Nun sogar "abgesegnet" durch den dortigen Chef höchstselbst: Chris Dercon rümpft nicht wie sein Vorgänger Christoph Vitali die Nase ob der "altmodischen" Art der Selbstinszenierung der Produzenten von Gemälden, Drucken, Plastiken oder Fotografien.

<P>"Die Große" teilt sich heuer auf in Nord- und Südgalerie. "18% kennen die Liebestreppe", liest der Besucher in dieser einst beliebten Anbandl- und Schmuse-Zone und erklimmt die Nordgalerie. Durch das ganze Haus der Kunst - auch an der Fassade - ziehen sich die pointierten Fazit-Sätze Susanne Wackerbauers aus einer statistischen Auswertung. Sie verbindet in "Mé´moire communicative" ironisch Tradition, Kunst und Wissenschaft. Auf andere Weise setzt sich das in der gesamten Exposition fort.</P><P>Nordgalerie rechts: figürliche Malerei, die wir mit ganz anderer Neugier erforschen, nachdem wir durch den "Spiegel" der Verkündigung teilhaftig wurden, dass deutscher Mal-Realismus derzeit in New York so richtig angesagt ist. Nicht gepinselt auf Leinwand, dafür aber praktisch wie Rollrasen ist Bernhard Stögers Nymphenburg-Läufer aus Modelliermassen. Der Schlosspark zum Mitnehmen sozusagen.</P><P>Nordgalerie links: konkrete Kunst, Op Art, Farbfeldmalerei, Gestisches mal gezähmt, mal wild. Manches wirkt, wie vor Jahrzehnten produziert, anderes versucht, "alte" Ideen heutig fortzusetzen. So entwickelt zum Beispiel Melanie Hofmeister mit ihren zwischen Glasscheiben gehaltenen Gelb-Varianten auf Japanpapier, präsentiert auf einer schmalen Glas-Metall-Stellage, ein wunderschönes fein-fragiles Objekt zwischen Skulptur, Möbel und Malerei.</P><P>Im anderen Saal findet sich dann der "Rest", was durchaus nicht abfällig zu verstehen ist: auch Plastiken, Videos, Fotos, Grafiken und Zeichnungen, Projektionen oder Kombinationsversuche wie Karin Buchziks realistisches Gemälde von Tokio aus der Vogelperspektive mit seinen Werbe-Flächen. Eine davon leuchtet tatsächlich, gefüttert von einem MP3-Player. Hier in der Süd-Galerie entdeckt man auch die Arbeiten der Preisträger: Stefanie Unruhs Männer in Blumen, hingehaucht gezeichnet wie Tapeten-Dekor. Robert Voit verblüfft mit seinen Fotos von Umspannmasten, die schamhaft als Bäume getarnt sind. Und Birthe Blauth entführt mit ihren Fotoprojektionen ins gar nicht romantische Marrakesch.</P><P>In dieses Umfeld ist die Sonderschau in Erinnerung an den früh verstorbenen Münchner Maler Stephan Deckert (1962-1997) integriert. Sein fast fotorealistischer Blick und Pinsel richten sich nicht nur auf eine Fenster-zum-Hof-Idylle, sondern auch auf schäbige Details des Alltags und der städtischen Architektur. Eine Haltung, die heute noch vor allem von Fotografen und Konzeptkünstlern eingenommen wird. Bewegend Deckerts Serie von Zeichnungen, die seine über 100-jährige Großmutter beobachten: Wann wird der Schlaf zum Tod?</P>Bis 20. Juni, täglich 10 bis 20 Uhr, Tel. 089/ 22 26 55, Katalog: 15 Euro. Preise: 250 bis 38 000 Euro.

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