Neue Stars und alte Hüte

- "Das vorige Jahr war immer besser", sagt ein deutsches Sprichwort. Also ehe das neue beginnt, wollen wir hier das alte noch einmal hochleben lassen. Auch das Negative. Höhepunkte und Tiefschläge. Pleiten, Pannen, Peinlichkeiten. Dazu natürlich und vor allem die Momente des Glücks, die ein gelungener Ton, eine ehrliche Emotion, ein Augenblick von Erkenntnis und Wahrhaftigkeit dem Zuschauer bescheren können. Oper, Schauspiel, Konzert: Sie sind immer live. Sind immer Gegenwart.

Jeder Theater- oder Konzertabend, egal auf welcher Bühne, ist einmalig, unwiederholbar. Und weil die Kunst der Sänger, Schauspieler, Musiker eine flüchtige ist, schauen wir kurz vor Jahresschluss auf 2005 zurück. Und fragen: Was war? Was will man mit hinübernehmen zu 2006? Was darf getrost vergessen werden? Dabei wird nicht allein der Künstler und ihrer künstlerischen Leistungen gedacht. Auch manche Personalie, die gefällt oder Protest hervorgerufen hat, findet sich in diesem A B C.

Albrecht, Christoph: Seine Personalie wurde zum Skandal, den sich Bayerns Kunstminister Thomas Goppel viel kosten ließ (natürlich nicht sein eigenes Geld). Als designierter Intendant der Bayerischen Staatsoper wurde Albrecht eineinhalb Jahre vor Amtsantritt von Goppel gefeuert. Albrecht, noch Präsident der Theaterakademie, habe, so heißt's inoffiziell, die Spielzeitvorbereitungen nicht ausreichend genug vorangetrieben. Dass er sich diesen unehrenhaften Rausschmiss vergolden ließ, dürfte ihm kaum einer verdenken.

Bachler, Klaus: Der Wiener Burgtheater-Direktor tritt 2008 anstelle Albrechts als neuer Intendant der Bayerischen Staatsoper die Nachfolge von Peter Jonas an. Von dem eloquenten Mann - erlernter Beruf: Schauspieler - erhofft man sich jene medientüchtige Wirksamkeit nach außen, wie sie Vorgänger Sir Peter blendend beherrscht.

Bach-Chor, Münchener: Nach dem Rückzug von Hanns-Martin Schneidt musste das Ensemble eine vierjährige Interimszeit überstehen. Kompetent betreut wurde es dabei von Philipp Amelung. Seit Herbst hat der Chor nun einen neuen Chef. Und das gerade absolvierte Weihnachtsoratorium mit Hansjörg Albrecht lässt dringend vermuten: Da bahnt sich eine Ära an.

"Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben": Mit einer grandios maßlosen, musikalisch wilden Neuinszenierung hat Intendant und Regisseur Christian Stückl diesem bayerischen Dauerbrenner eine neue Heimstatt im Münchner Volkstheater gegeben und sich und seinem Ensemble damit direkt einen Platz im weißblauen Theaterhimmel gesichert.

Cecilia Bartoli: Kurz vor Jahresschluss brachte sie die Fans im Prinzregententheater aus dem Häuschen - mit 17 (!) perfekt interpretierten Arien, die untermauerten: Sie ist einfach die Primadonna assoluta in Sachen Barock.

Doris Dörrie: Die Bayerische Staatsoper glaubte, in der Filmfrau eine moderne Opernregisseurin gefunden zu haben. Großer Irrtum. Ihr Debüt mit Verdis "Rigoletto" war von rigoroser Ahnungslosigkeit. In Science-Fiction-Manier wurde der Trip Rigolettos und Gildas auf den Planet der Affen ein Weg in den Opernabgrund. Wenige Monate später folgte ihr zweiter, nicht ganz so schauerlicher Münchner Streich: "Madame Butterfly" am Gärtnerplatz.

Eichinger, Bernd: Wie Doris Dörrie wilderte der Münchner Filmproduzent in der Opernszene. Sein Berliner "Parsifal" zeugte vom Respekt vor Wagners Werk. Doch darob ist Eichinger vor Ehrfurcht erstarrt, die Folge: fünf bleierne, inhaltsarme Stunden.

Füssen: Mit einem zweiten Kini-Musical sollte das Festspielhaus am Forggensee aus den roten Zahlen gebracht werden. Konstantin Wecker schrieb für "Ludwig2" die Musik. Herausgekommen ist ein leicht schmalztriefendes Stück, das an den frechen Esprit des Vorläufers nicht heranreicht.

"Geschichten aus dem Wiener Wald": Die Inszenierung von Barbara Frey ist der Renner am Münchner Residenztheater. Eine halbe Stunde nach Vorverkaufsbeginn ausverkauft, heißt es. Kein Wunder, denn was Sunnyi Melles, Lambert Hamel, Juliane Köhler, Michael von Au, Thomas Loibl, Gert Anthoff hier spielen, ist einfach sehenswert.

Hartmann-Jahr: Die Ehrung eines der wichtigsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts haben die Münchner Theater (fast) verschlafen. Zur Feier des 100. Geburtstags begnügte sich die Staatsoper mit einem Gastspiel aus Stuttgart. Dafür gab's umso mehr Hartmann in den Konzertsälen und, als Krönung des Gedenkjahres, eine grandiose Ausstellung im Stadtmuseum.

Intendanten-Wechsel: Im Fall des Münchner Gärtnerplatztheaters hat sich Kunstminister Goppel nicht mit Ruhm bekleckert. Geht die Panne mit Albrecht noch auf das Konto von Ex-Minister Zehetmair, hat er die fragwürdige Personal-Entscheidung für Münchens zweites Opernhaus selbst zu verantworten. Nach Monaten ungebührlichen Hinhaltens teilte er Intendant Klaus Schultz mit, dass ihm sein Vertrag nicht verlängert werde. Die Alternative zu Schultz, die Goppel als die neue Frische preist, ist auch nur ein alter Hut und verströmt das Aroma der Provinz. Ulrich Peters, vorlauter Bühnenchef und Zahlenjongleur von Augsburg, soll 2007 in München antreten.

Julia Jentsch: Die junge Schauspielerin der Münchner Kammerspiele startete durch. Als Sophie Scholl erntete sie internationalen Filmruhm. Der Ruf reichte bis zur alten Theaterlegende Peter Zadek, der sie aus München entführt, um mit ihr in der ländlichen Stille Brandenburgs ein neues Stück zu proben.

"König David": In Oberammergau inszenierte der Großmeister für theatralische Riesenveranstaltungen, Christian Stückl, die alttestamentarische Geschichte des Goliath-Bezwingers und israelitischen Königs. Ein sattes, sinnenfrohes Spektakel, das schon mal die Vorfreude auf die Oberammergauer Passion 2010 weckte, die - natürlich - Stückl inszenieren wird.

"La Traviata": Bei den Salzburger Festspielen drehten Medien und Fans durch. Anna Netrebko wurde von Klasse-Regisseur Willy Decker dem Anlass angemessen ausgestellt. In München war sie dreimal aktiv: auf dem Königsplatz, in der Philharmonie sowie im Staatsopern-"Rigoletto".

Mehta, Zubin: In der letzten Saison als GMD der Staatsoper erfüllt er sich einen Herzenswunsch: Er fährt Weihnachten mit dem Staatsorchester in seine Heimat Indien - für ein Benefizkonzert zu Gunsten der Tsunami-Opfer.

Nikolaus Harnoncourt: 76 Jahre alt musste der Ahnvater der historischen Aufführungspraxis werden, bis er endlich beim BR-Symphonieorchester debütierte. Seine Konzerte mit Schumanns "Das Paradies und die Peri" waren der Musikhöhepunkt des Jahres.

"Orwell", George: Für seinen Romanklassiker um den "Großen Bruder" hatte sich Lorin Maazel, Ex-Chef der BR-Symphoniker, die Rechte gesichert. Maazels Vertonung hatte in London Uraufführung: eine versierte, manchmal zähflüssige Oper im alten Stil - nicht gerade der große Wurf.

Puls, Wiebke: Mit der Rolle der Kriemhild in Friedrich Hebbels Drama "Die Nibelungen" hat die Schauspielerin ihr eindrucksvolles Debüt an den Kammerspielen gegeben. Hoffentlich wird sie an diesem Haus ihrer Persönlichkeit entsprechend weiterhin anspruchsvoll eingesetzt.

Quint Buchholz: Der Münchner Maler, Zeichner und Buchgestalter präsentierte sich von einer neuen Seite - als Bühnenbildner. Im Metropol in Freimann besorgte er die Ausstattung für Jochen Schölchs sehr gelungene Inszenierung des "Golem". Und man fragt sich, warum nicht öfter bildende Künstler als Bühnenbildner verpflichtet werden.

Reinfall 2005: Den bescherten uns drei hoch subventionierte Münchner Bühnen; zunächst das Gärtnerplatztheater mit dem "Waffenschmied", dann die Staatsoper mit "Rigoletto", zuletzt die Kammerspiele mit "Iphigenie".

Strauß, Botho: "Die eine und die andere" ist das Stück des Jahres, mit leichter Hand und bitterer Ironie von Dieter Dorn am Münchner Residenztheater uraufgeführt. Strauß seziert darin erbarmungslos die abgedankte westdeutsche Gesellschaft und konstatiert mit scharfem, traurig-komischem Witz das fatale Versagen der Achtundsechziger.

Tournee: Mit über 400 Mitarbeitern und drei Produktionen brach die Staatsoper nach Japan auf. "Meistersinger" und "Tannhäuser" wurden vor ausverkauften Häusern bejubelt, Händels "Ariodante" hatte Intendant Peter Jonas beim widerspenstigen japanischen Veranstalter durchgedrückt.

Ulf Schirmer: Zwar wird das Münchner Rundfunkorchester von 71 auf 50 Stellen verkleinert. Mit der Berufung des prominenten Chefdirigenten hat sich der BR indes zu seinem zweiten Orchester bekannt, nachdem er es zunächst in einem kopflosen Akt von Intendant Thomas Gruber auflösen wollte.

Viotti, Marcello: Sein Tod schockierte die Musikwelt. Im Februar erlag der sympathische Dirigent und vormalige Chef des Münchner Rundfunkorchesters den Folgen eines Gehirnschlags. Ein Unersetzlicher, der sich für die Musik, vor allem für sein Ensemble aufgearbeitet hatte.

Waltraud Meier: Die Operndiva begab sich auf fremdes Terrain. Im Residenztheater wirkte sie in einer Benefizaufführung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste fürs Cuvillié´stheater mit: eine Lesung von Wagners "Ring des Nibelungen". Zwischen Rolf Boysen, Jörg Hube und Gerhard Polt, Thomas Holtzmann, Lambert Hamel und Sunnyi Melles saß sehr bescheiden die weltberühmte Sängerin - und sprach die Waltraute mit überzeugender Intensität, so als würde sie sie singen.

XY, ungelöstes Aktenzeichen: Wohin steuert die Münchner Opernszene? Denn die steht mit der Berufung von Klaus Bachler und Ulrich Peters vor dem Umbruch. Manche raunen, Bachler solle irgendwann eine Art Generalintendanz bekleiden, der das Gärtnerplatztheater untergeordnet wird. Fest steht jedenfalls: 2005 war das letzte Jahr in der neon-schrillen Staatsopern-Ästhetik. Was ja auch sein Gutes hat.

Zaimoglu, Feridun: Der Schriftsteller will partout nicht vom Theater lassen. Dabei wäre es besser für beide. Stattdessen traute er sich erneut, einen vorhandenen Text der Weltliteratur ins Vulgäre unserer Gegenwart zu adaptieren. Und zwar im Auftrag der Münchner Kammerspiele. Nach Shakespeares "Othello" fiel nun Wedekinds "Lulu" dem Dramen-Killer in die Hände.

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