Der Autor und Musiker Sven Regener deutet im Anschluss an ein Gespräch auf dem Blauen Sofa des ZDF auf der Buchmesse in Frankfurt in die Runde.
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Hat seine Figuren lieb: Autor und Musiker Sven Regener auf dem Blauen Sofa des ZDF auf der Buchmesse in Frankfurt.

Neuer Roman „Glitterschnitter“ von Sven Regener

Kreuzberger Querköpfe

  • Johannes Löhr
    VonJohannes Löhr
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Sven Regener hat es wieder getan: Der Autor und Sänger der Band Element of Crime schreibt die Geschichte seiner Romanfigur Frank Lehmann fort. „Glitterschnitter“ heißt der neue Roman, der einmal mehr die aufregende und niederschmetternde Zeit im Westberlin der frühen Achtzigerjahre in lakonische Dialoge gießt. Es passiert wieder recht wenig - und geht doch um alles, was das Leben ausmacht.

Hat Filterkaffee mit Kondensmilch eine Zukunft? Oder muss es jetzt Milchkaffee mit aufgeschäumter Haube sein? Und darf eine Sachertorte eine Fettglasur haben oder muss die auf Zucker basieren? Doch, doch, das sind existenzielle Fragen! Nicht für uns vielleicht. Aber für die Figuren, die durch Sven Regeners neuen Roman „Glitterschnitter“ trudeln – die altbekannten Tagediebe und Traumtänzer, die ein Millionenpublikum in sein Herz geschlossen hat. Mittendrin: Frank Lehmann.

Der ambitionslose Antiheld mit dem Allerweltsnamen, der die Leser vor nunmehr 20 Jahren zum ersten Mal begeisterte, ist zurück. „Herr Lehmann“ hieß das Büchlein, das einschlug wie eine Bombe und von Leander Haußmann erfolgreich verfilmt wurde. Autor Regener, Sänger und Texter der Popband Element of Crime, hatte es geschafft, eine Figur zu erfinden, die mit ihren absurden Erlebnissen (besser: Nicht-Erlebnissen) in Westberliner Kneipen genug Identifikationspotenzial besaß, um viele erstaunt jubeln zu lassen: „Frank Lehmann – das sind ja wir!“

Antiheld mit Allerweltsnamen: Christian Ulmen als Frank Lehmann im Film von Leander Haußmann von 2003

Lehmanns Vorgeschichte hat Regener seither mehrfach ausgeleuchtet. Ein Entwicklungsroman, nur dass sich hier nichts entwickelt außer lakonischen Dialogen. Wir schreiben 1980, Frank hat es immerhin von Bremen nach Berlin geschafft, ins „Café Einfall“, in dem er sich von der Putz- zur Vollzeit-Thekenkraft mausert. „Glitterschnitter“ nimmt den Faden auf, den der Vorgängerroman „Wiener Straße“ fallen ließ – nach einer grandios eskalierten Aktionskunstperformance, wie sie nur im Westberlin der frühen Achtziger stattfinden konnte.

Glitterschnitter, so heißt die Band, in der Karl Schmidt, Franks späterer Freund, die Bohrmaschine spielt – und die es zur Kunstmesse „Art City Noise“ schaffen will. Ähnlichkeiten mit den Industrial-Rockern Einstürzende Neubauten sind gewollt, Autor Regener selbst kam um diese Zeit in die Mauerstadt, und so ist das Geschehen auch diesmal wieder eine Hommage an das alte Kreuzberg – Hausbesetzer, Hinterhof-Punks und berlinernde Kontaktbereichsbeamte inklusive. Diesen einmaligen, subventionierten Moloch, der Perspektivlose aus der ganzen Republik und darüber hinaus anzog, die sich hier in einem Klima der Gleichgültigkeit eine neue Identität zimmerten.

Ein zweischneidiges Schwert: „Nirgendwo je hatte P. Immel sich so frei gefühlt wie in Westberlin, weil hier alles, aber auch wirklich alles total scheißegel war, aber der Preis dafür waren Kälte und Gnadenlosigkeit, das hatte er von Anfang an gespürt, seit er und Kacki damals mit Kackis altem Opel Kapitän, der kurz darauf den Geist aufgegeben hatte, in die Naunynstraße eingebogen waren, geschenkt gab es hier nur den Tod und Mitleid war ein seltenes Gut, die Menschen in dieser Stadt geizten damit, als hätten sie zugenähte Gemütstaschen.“

Die Gnadenlosigkeit zeigt sich schon in den Spitznamen, sind sie doch das letzte bisschen Selbstversicherung, das den Figuren bleibt. Dumm, wenn man da Jürgen 3 oder Michael 2 heißt, weil es so viele Namensvettern gibt. Ähnlich gnadenlos geht man auch miteinander um. Seien es die zickige schwäbische Göre Chrissie und ihre Mutter Kerstin oder Kunstagent Wiemer und sein renitenter Klient H.R. Ledigt – und nicht zuletzt die beiden Kumpels Kacki und P.Immel aus Wien. Sie alle leben in einem emotionalen Abhängigkeitsverhältnis – und lassen keine Gelegenheit aus, einander fertigzumachen.

Regeners Kunst ist einmal mehr, dass sich der Leser dabei köstlich amüsiert. Gerade wenn Austro-Machiavel P. Immel und sein Vasall Kacki ihre „Shakespeare-Kampfsportgesellschaft“ aus Ottakringer Tagen wieder aufleben lassen und sich Wortgefechte im Blankvers liefern. Die aufkeimende Ikea-Wohn- und Milchkaffee-Trinkkultur ist ein weiteres Leitmotiv – und es kommt beinahe zum Tumult, als Wirt Erwin Kächele wegen eines Schwangeren-Treffs das „Café Einfall“ für fünf Stunden zur Nichtraucher-Zone macht. Am Ende siegt vielleicht nicht die Liebe – aber sie bekommt die Chance, in dieser unwirtlichen Umgebung zu keimen.

Wie im Vorgänger-Buch setzt der Autor auf schnelle Szenenwechel zwischen einer Handvoll Schauplätzen – es geht zu wie bei einer Sitcom, was wohl daran liegt, dass „Wiener Straße“ mal als Drehbuch für eine Serie angelegt war. Und Regener erzählt nicht mehr nur die Geschichte des Frank Lehmann – es ist ein Stimmengewirr, denn der Erzähler nimmt wechselnd die Perspektive von bestimmt 15 Figuren ein. Etwa von Erwin Kächeles Frau: „Es ist wie auf hoher See, dachte Helga, die Lotsentochter aus Bremerhaven, nirgendwo was zum Festhalten, na ja, außer diesem Tresen hier, der hat eine Messingstange, aber die wackelt, warum repariert das keiner?“

Sven Regener hat seine Kreuzberger Querköpfe gern, das merkt man. Dem NDR sagte er kürzlich: „Das sind zwar künstlich geschaffene Figuren, aber ich habe sie lieb, die bedeuten mir was, wahrscheinlich, weil sie einfach Teil meines Lebens sind und mein Leben erzählen.“ Damit dürfen sie gerne noch eine Weile weitermachen.

Sven Regener: „Glitterschnitter“, erschienen bei Galiani, Berlin, 469 Seiten; 24 Euro.
  • Lesung: Sven Regener stellt sein Buch am 12. November, 20 Uhr, im Münchner Volkstheater vor; Karten unter Telefon 089/5 23 46 55.

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