Hans-Jürgen Drescher im Interview

Neuer Akademie-Chef: "Wir drehen den Spieß um"

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München - Die Bayerische Theaterakademie hat einen neuen Chef: Im Interview spricht Hans-Jürgen Drescher über Digitales auf der Bühne, unterforderte Zuschauer und überforderte Studenten.

Ein wenig hat er sich schon eingelebt im Prunkbüro des Münchner Prinzregententheaters, das noch immer so aussieht, als habe es August Everding gerade erst verlassen. Seit September ist Hans-Jürgen Drescher Präsident der Bayerischen Theaterakademie – als Nachfolger von Klaus Zehelein, mit dem er in den Achtzigerjahren an der Oper Frankfurt gearbeitet hat. Der 60-Jährige leitete früher den Suhrkamp Theater- und Medienverlag und wurde von der Ludwigsburger Akademie für Darstellende Kunst nach München geholt.

Als Chef in Ludwigsburg mussten Sie einiges auf- und umbauen. Können Sie sich in München nun in ein gemachtes, kuscheliges Nest setzen?

Das passt so gar nicht zu meinem Naturell, dass ich mich in ein kuscheliges Nest setze. Richtig ist: Die Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg wurde erst 2007 gegründet und hatte Startschwierigkeiten. In München handelt es sich um eine renommierte, sehr gut laufende Schule mit acht Studiengängen. Ich habe mir in München die Aufgabe gestellt, die Akademie fit für die Zukunft zu machen. Das Theater verändert sich radikal, etwa durch neue performative Formen, einen erweiterten Kunstbegriff, durch neue Strukturen und Organisationsweisen. Das geht so weit, dass wir eigentlich gar nicht wissen, für welches Theater wir ausbilden.

Also stochern Sie da im Nebel?

Nein, ich sehe es eher als Chance, den Spieß umzudrehen und nicht darauf zu warten, was uns die Theater als Vorgaben liefern. Wir können nämlich den Veränderungsprozess begleiten und mitgestalten. Wir können hier Zukunftsforschung betreiben.

Wohin entwickelt sich denn das Theater?

Schwer zu sagen. Natürlich wird es das klassische textbasierte Theater weiter geben, daneben aber entstehen immer mehr Zwischenstufen und Mischformen. Es entwickelt sich wahrscheinlich ein ganz neuer spartenübergreifender Ensemblegedanke. Ein Ausbildungsschwerpunkt wird bei uns außerdem die Frage sein, welchen Einfluss die digital gestützten Medien nehmen. Es gibt ja kaum noch eine Inszenierung ohne Video. Das digitale Zeitalter hält Einzug ins Theater. Welche Konsequenzen das hat für die Spiel- und Produktionsweisen, ist noch gar nicht absehbar. Oder nehmen Sie nur die Animationsfilme, in denen Schauspieler quasi in digital animierte Figuren verwandelt werden. Ich habe in Ludwigsburg eng mit der Filmakademie zusammengearbeitet, auch weil es einen Schwerpunkt im Animationsbereich gibt. Dort haben zum Beispiel Studierende von Film- und Theaterakademie gemeinsam hochkomplexe Computerspiele gestaltet.

Hat man in Deutschland einiges versäumt, weil man sich im Vergleich zu anderen Ländern auf der Insel der Seligen befindet?

Die öffentlich finanzierte Theaterlandschaft hier ist natürlich weltweit einmalig. In Ludwigsburg hatte ich Kontakt zu amerikanischen Kollegen, die mir sagten: „In zwanzig Jahren arbeiten dreißig Prozent deiner Schauspieler sowieso für Computerspiele.“ Und das meinten sie ernst.

Man kann sich als Chef eines Instituts ja viel vornehmen. Voraussetzung ist dafür, dass der finanzielle Rahmen stimmt.

Es gibt in München eine Reihe von Freunden und Förderern, die Studenten durch Stipendien unterstützen. München ist eine Stadt, die aus Sicht der Münchner nur Standortvorteile hat. Es gibt aber einen entscheidenden Nachteil: die hohen Lebenshaltungskosten. Für Studierende ist das verheerend. Wenn wir hier Aufnahmeprüfungen haben und jemand Begabten auswählen, dann kann es schon passieren, dass der oder die Betreffende lieber nach Leipzig geht.

Bekommen Sie etwa nicht die Leute, die Sie gerne hätten?

Nicht alle. Weil das Studium für sie hier schlichtweg nicht finanzierbar ist. Deshalb brauchen wir noch mehr Freunde und Förderer.

Sie sind von einem Theater geprägt, gerade durch Ihre Frankfurter Zeit mit Klaus Zehelein, das sich über eine starke Inhaltlichkeit definiert. Schlägt das Pendel gerade in die andere Richtung? Biedert man sich mit Schauwerten mehr ans Publikum an?

Ich weiß nicht, ob man da einen Trend erkennen kann. Gegen gute Unterhaltung ist ja nichts zu sagen. Das Beharren auf Substanz und Inhaltlichkeit ist für mich die Voraussetzung für jede Theaterarbeit. Selbst an Häusern, wo das Kulinarische nicht ganz ausgeschlossen ist wie an den großen Staatsopern, kann doch kein Regisseur hinter den Anspruch zurückfallen, auf der Höhe der Zeit zu sein und sich mit gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Das Schlimmste am Theater wäre, das Publikum zu unterfordern und zu unterschätzen.

Unter Ihrem Vorgänger Klaus Zehelein gab es viel beachtete Produktionen, die die Akademie fast zu Münchens drittem Opernhaus machten. Führen Sie das weiter?

Keiner will hier in irgendeine Konkurrenz zu den Staatstheatern treten. Man muss immer bedenken: Auch wenn das Prinzregententheater ein wunderbares Haus ist, sind wir eine Ausbildungsstätte. Sicher werden wir Stücke spielen, die andere nicht ansetzen und dadurch Aufmerksamkeit erregen. Aber die müssen tauglich sein für die jungen Sänger.

Wenn alles so gut läuft: Wollen Sie überhaupt etwas ändern?

Ich kann mir vorstellen, dass wir enger mit der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film zusammenarbeiten, da gibt es noch ungeahnte Möglichkeiten gerade im Bereich des Digitalen. Ein anderer Punkt ist: Durch die europaweite Harmonisierung der Studiengänge über den „Bologna-Prozess“ mussten auch die künstlerischen Studiengänge auf Bachelor-/Masterabschlüsse in acht Semestern umgestellt werden. Das ist sportlich. Ich stelle auch fest, dass immer mehr Studenten nach einem Studium generale fragen, weil die Schulbildung nicht ausreicht. Es gibt ein Gefühl von Defizit, weil die Studierenden – auch durchs G8 – immer jünger werden. Das alles auszugleichen, kriegen wir momentan mit dem eng gestrickten Stundenplan gar nicht hin. Wir müssen also Formate finden, um den Studierenden ein umfassenderes Wissen mit auf den Weg zu geben.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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