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Ken Follett

Neuer Follett: Zum Verschlingen – doch ohne Nährwert

München - Buchkritik: Der Erfolgs-Autor Ken Follett legt mit „Sturz der Titanen“ den ersten Teil seiner Trilogie über das 20. Jahrhundert vor.

Eine gekonnte Mischung aus Weltgeschichte und Familiensaga, Revolution und Erotik, Melodram und Kriegsepos liefert der 1949 in der walisischen Stadt Cardiff geborene Erfolgsautor Ken Follett („Die Nadel“, „Die Säulen der Erde“) in seinem mit Spannung erwarteten neuen Roman „Sturz der Titanen“. Kein Wunder also, dass Follett auch seine Heimatstadt Cardiff gleichrangig neben New York, Washington, Sankt Petersburg, London und Berlin zu Hauptschauplätzen seines Romans macht, der als erster Teil einer „Century“-Trilogie über das 20. Jahrhundert gedacht ist.

Der Roman umfasst den Vorabend des Ersten Weltkriegs, seinen Verlauf und seine Nachwirkungen. Er beginnt mit der Thronbesteigung von George V. am 22. Juni 1911. An diesem Tag fährt der junge Billy zum ersten Mal in eine Waliser Kohlengrube ein. Das Buch endet im Januar 1924, als Billys Schwester Ethel den vornehmen Earl Fitzherbert bei einer Versammlung zwingt, ihrem gemeinsamen unehelichen Sohn die Hand zu geben.

Es tut sich natürlich auch sonst viel auf den über 1000 Seiten: Earl Fitzherberts Frau, die russische Fürstin Bea, hat bereits als Kind die Hinrichtung dreier Bauern veranlasst, die widerrechtlich Vieh auf ihrer Wiese weiden ließen. Nachdem auch seine Mutter getötet wird, gerät Lew, Sohn eines dieser Bauern, auf die schiefe Bahn. Er muss fliehen und nimmt seinem Bruder dessen Auswanderungspapiere ab. Doch statt, wie gebucht, in New York landet er prompt in Cardiff, wo die angekommenen Russen als neue Bergarbeiter den Streik der walisischen Kumpels brechen sollen.

Wie es Lew dann doch gelingt, ins gelobte Amerika auszuwandern, dort die Tochter eines Industriellen zu heiraten, und wie sein Bruder Grigori gleichzeitig in Russland Lews verlassene Freundin heiratet und mit Lenin Revolution macht, ist eine Geschichte für sich. Doch Follett berichtet auch von der Liebe zwischen Earl Fitzherberts Schwester und einem deutschen Botschaftsangehörigen. Beide heiraten am Tag vor der österreichischen Kriegserklärung an Serbien – und bleiben sich über die Kriegsjahre treu, obwohl sie sich nie sehen. Am Ende des Romans gründen sie ein bescheidenes, aber glückliches Heim – etwas Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Ken Follett fügt zu diesen zentralen Figuren weitere hinzu – und schickt all seine Protagonisten jeweils an die Front, in Beratungszimmer der Macht, politische Versammlungen, Salons, Boudoirs, Schlafzimmer, Gartenpartys, Bergarbeiterhütten oder in den Kampf um die Frauenemanzipation: Es ist eine schier unglaubliche Bandbreite an Handlung, die Ken Follett vor seinen Lesern entfaltet.

Und wie im Trivialroman wird eine in sich geschlossene Welt präsentiert: Jede Hauptfigur ist über Ecken mit jeder anderen verwandt, bekannt, liiert oder verfeindet, auf alle Fälle aber irgendwie vernetzt, und die Figuren treffen sich immer unter veränderten Umständen wieder. Und wie im Trivialroman geht es letztendlich um die Herstellung einer sozialen Gerechtigkeit. Das lenkt die Sympathien und Erwartungen des Lesers – und packt ihn.

Der Leser kann die gut 1000 Seiten erst aus der Hand legen, wenn er den Ausgang dieser Geschichte erfahren hat – und fiebert dann der Fortsetzung entgegen. Doch leider gehört das Buch zu denen, die auf die Schnelle einen fabelhaften Eindruck machen, von denen aber keine lange Wirkung bleibt. Hat man den „Sturz der Titanen“ aber einmal zur Seite gelegt, bleibt recht wenig im Gedächtnis zurück.

von Hildegard Lorenz

Ken Follett: „Sturz der Titanen“. Lübbe Verlag, 1022 Seiten; 28 Euro. Der Roman ist auch als – gekürzte – Hörbuchfassung, wunderbar gelesen von Johannes Steck, bei Lübbe Audio erhältlich.

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