Romandebüt: "Am Anfang war die Nacht Musik"

München - Alissa Walser fesselt Leser mit ihrer Sprache. In ihrem Romandebüt "Am Anfang war die Nacht Musik" erzählt sie die Geschichte einer Pianistin, die Schutz in ihrer Blindheit sucht.

Es ist ein Sog. Donnerwetter, die kann schreiben. Schon mit den ersten Sätzen, ja dem ersten Satz zieht Alissa Walser den Leser in ihren Bann und lässt ihn 253 Seiten lang nicht wieder los.

„Am Anfang war die Nacht Musik“ heißt ihr erster Roman, in dem sie sich, die blanke Gegenwart vermeidend, einem scheinbar fernliegenden und auch schon häufig beackerten Gegenstand zuwendet: dem berühmten Arzt Franz Anton Mesmer, wie die Autorin am Bodensee geboren, der im Wien um 1770 seine magnetische Heilmethode, den Mesmerismus, erfand.

Heilung einer Blinden

Sie greift sich die spektakulärste Episode heraus, die Begegnung Mesmers mit der Pianistin und Komponistin Maria Theresia Paradis – drei Jahre jünger als Mozart, der sie kannte und für sie komponierte. Sie ist seit ihrem dritten Lebensjahr blind, und wurde von vielen Ärzten ohne Ergebnis malträtiert.

Mesmer holt sie in seine Klinik, hat Erfolg, den er dringend braucht, um als Wissenschaftler anerkannt zu werden. Maria sieht – aber sie kann nicht damit leben. Sie wird unsicher, vergreift sich plötzlich beim Klavierspielen, legt schließlich die Augenbinde wieder an, lässt die Welt im Unklaren über den Heilerfolg.

Die Eltern holen sie zurück, forcieren mit Erfolg die Pianistinnen-Karriere der Tochter. Mesmer wird als Scharlatan verhöhnt, muss Wien verlassen und etabliert sich in Paris. Dort treffen Arzt und Patientin noch einmal aufeinander, spüren, was sie verbindet, kommen aber aus ihren Zwängen nicht mehr heraus: Er muss im Interesse der Wissenschaft wollen, dass sie sieht.

Im Schutz der Dunkelheit

Sie hat Angst vor einem Leben im Licht, fühlt sich frei nur in ihrer begrenzenden, Schutz bietenden, wohl psychosomatischen Blindheit. Er will sich nicht eingestehen, dass seine Heilerfolge mehr auf seiner persönlichen Zuwendung, auf der Kraft seiner Hände, seiner Rede beruhen als auf seinen kunstvollen Apparaten, also nachweisbarer Wissenschaftlichkeit.

Die Psychoanalyse ist noch nicht entdeckt, wenn auch knapp davor – Mesmers Problem ist auch das des Zu-früh-Gekommenen. Keine Frage, der Stoff reizt zum Geschriebenwerden, wie ihn ja unter anderen Stefan Zweig und Per Olov Enquist schon bearbeitet haben. Alissa Walser geht mit einer fabelhaften Verve daran und überspringt allein damit den Zeitabstand.

Reizvolles Romandebüt

Viel Präsens. Kurze, oft unvollständige Sätze. Eine würzige Methode von indirekter Rede. Das alles gibt der Sache eine atemlose Dringlichkeit. Die Lebensumstände, die Wichtigkeiten zur Zeit Kaiserin Maria Theresias werden plastisch, wären es auch dann, wenn Alissa Walser auf ein paar heutige, modische Redewendungen verzichtet hätte.

Doch das nimmt dem Romandebüt wenig von seinem Reiz. Gelungen ist ein so temperamentvoll wie fein gezeichnetes doppeltes Künstlerdrama.

Beate Kayser

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