Der US-amerikanische Autor T.C. Boyle erzählt in seinem neuen Buch „Sprich mit mir“ die Geschichte eines Forschungsprojekts, bei dem einem Schimpansen die Gebärdensprache beigebracht wird.
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Der US-amerikanische Autor T.C. Boyle erzählt in seinem neuen Buch „Sprich mit mir“ die Geschichte eines Forschungsprojekts, bei dem einem Schimpansen die Gebärdensprache beigebracht wird.

In „Sprich mit mir“ beleuchtet T.C. Boyle das Bewusstsein von Schimpansen

Neuer Roman des Star-Autors: T.C. Boyle lässt Affen sprechen

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Er ist der Rock-Star unter den Schriftstellern: Alt-Hippie T.C. Boyle. Nun ist sein neuer Roman „Sprich mit mir“ erschienen. Weil er in Deutschland besonders viele Fans hat, Monate vor der Veröffentlichung im englischen Original - der kommt erst im Mai auf den Markt.

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Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, dass T.C. Boyle zuletzt München gerockt hat. Ein Schriftsteller wie er veranstaltet ja keine Lesungen – wenn der US-Amerikaner kommt, erleben seine Fans eine Literatur-Performance. Damals in der ausverkauften Muffathalle stellte er „Das Licht“ vor. Und stand danach eine Stunde lang auf der Bühne, um Bücher zu signieren und mit jedem Gast kurz zu plaudern. Die standen geduldig Schlange wie in Corona-Zeiten nur noch vor dem Supermarkt und der Drogerie. Deutschland liebt T.C. Boyle. Deshalb erscheint sein neuer Roman „Sprich mit mir“ schon jetzt in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren – Wochen vor der englischen Ausgabe, die im Mai auf den Markt kommt.

Allein das erwärmt natürlich das Herz der deutschen Leserin. Zumal dann, wenn sie vor der Lektüre Boyles hinreißendes Werbevideo angeschaut hat, das er für den Hanser Verlag in seinem Haus in Kalifornien filmte. Darin sieht man ihn mit schreiendem Enkel, Hund und Katze über das Thema von „Sprich mit mir“ philosophieren. Es geht, kurz zusammengefasst, um die Frage, inwieweit Tiere die Fähigkeit haben, die menschliche Sprache zu erlernen und mit uns zu kommunizieren.

Der 72-Jährige, der mit seiner Frau abgeschieden in den Sequoia Mountains lebt, in einem Holzhaus ohne Internetzugang, engagiert sich sehr für Umwelt- und Tierschutz. In Werken wie „Ein Freund der Erde“ und „Wenn das Schlachten vorbei ist“ hat er die Schrecklichkeiten, die Menschen der Erde und ihren Bewohnern antun, aufgegriffen. In „Sprich mit mir“ tut er das wieder.

In dem Roman lernt ein Schimpanse die Gebärdensprache

Es ist ein Gedankenspiel: „Was, wenn es wirklich möglich war, mit Angehörigen einer anderen Spezies zu kommunizieren, sich mit ihnen zu unterhalten, anstatt ihnen zu befehlen und sie abzurichten wie Papageien, die nur wiedergaben, was man ihnen beigebracht hatte?“, fragt sich Guy, eine der zwei Hauptfiguren des Romans. Er leitet ein Forschungsprojekt, in dem er dem Schimpansen Sam die Gebärdensprache beibringt. Auf einer Ranch zieht er das Tier auf wie einen Menschen. Je älter Sam wird, desto herausfordernder die Arbeit mit dem Treibauf. Guy engagiert Aimee als studentische Hilfskraft. Die junge Frau entwickelt mütterliche Gefühle für Sam. Schläft mit ihm in einem Bett, vergisst mehr und mehr, dass das hier ein wissenschaftliches Projekt und kein Familienleben ist.

Was denken diese beiden Affen aus dem Leipziger Zoo wohl? Sind sie sich ihrer selbst bewusst? Was fühlen sie – und wie sehr verstehen sie uns? Fragen, mit denen sich der US-amerikanische Autor T.C. Boyle in seinem neuen Buch „Sprich mit mir“ befasst.

Da hakt Boyle ein. „Ist ein Tier sich seiner selbst bewusst?“, fragt sich Aimee. Und wenn ja, welche Folgen hätte das für unser Handeln? Wenn Tiere wie dieser fiktive Sam tatsächlich anfangen würden, mit uns zu kommunizieren – müsste man dann unser Verhalten gegenüber ihnen ethisch neu bewerten? „Denn wenn es so war, wie sollte man dann begründen, dass Affen in Käfigen gehalten oder – schlimmer noch – in der pharmazeutischen Forschung verwendet wurden?“ Entstehen Empfindungen erst durch Worte? Kann ein Tier nicht Schmerz, Trauer, Scham, Ärger spüren, auch ohne die jeweiligen Bezeichnungen dafür zu kennen?

Als Leser werden wir selbst in den Käfig gezwungen

T.C. Boyle erzählt wie gewohnt in nüchternem Stil, keine Spielereien. Bis auf eine: Indem er jede Entwicklung der Geschichte noch einmal kurz aus Sams Perspektive schildert, zwingt er uns als Leser selbst in den Käfig, in den der Affe später gezwungen wird.

An einer Stelle reflektiert Guy, der von Ehrgeiz getriebene Professor, dem es nicht um den Schimpansen, sondern nur um sein berufliches Fortkommen geht, über die Bullen auf der Nachbarwiese. „Ihnen brachte niemand das Sprechen bei. Sie waren so dumm, wie die Natur sie gemacht hatte – oder nein, sie waren so intelligent, wie sie sein mussten, um zu überleben.“ Man fühlt sich ertappt angesichts dieser menschlichen Arroganz. Und fragt sich: Wer ist hier eigentlich der Affe?

T.C. Boyle: „Sprich mit mir“. Hanser Verlag München, 352 Seiten; 25 Euro. Das Buch bekommen Sie bei Ihrem Buchhändler ums Eck hier

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