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Spott macht ihr Spaß, vor allem wenn es um moderne Bildungsbürger geht: Am kommenden Freitag stellt Sibylle Berg ihren Roman in München vor.

„Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“

Neuer Roman von Sibylle Berg: Ekstase mit dem Falschen

München - Mit grimmigem Humor und aus wechselnden Perspektiven beschreibt Sibylle Berg eine abkühlende Ehe

Um die Liebe geht es in Sibylle Bergs neuem Roman, der den trainierten Leser schon durch den Titel „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ stutzig macht. Steht einem nun eine launig-komödiantische oder eine Liebe-taumelnde Geschichte bevor? Die Schriftstellerin, die in Zürich und Tel Aviv lebt, bietet allerdings keine der beiden Varianten. Mit grimmigem Humor beschreibt sie vielmehr ein Ehepaar Ende der Vierziger.

Er, Rasmus, ist Theaterregisseur. Einst eine Hoffnung, jetzt wurstelt er sich auf diversen Bühnen irgendwie durch und ringt mit seinen Enttäuschungen. Sie, Chloe, hat sich in der Ehe bequem eingerichtet. Sie ist versorgt, jobbt ein wenig – natürlich standesgemäß in einem Buchladen –, ist aber mehr und mehr von ihrem Mann genervt. Vor allem sexuell. Dennoch ist die Beziehung fest, keiner kann ohne den anderen leben. Berg analysiert präzise das Gewebe der gegenseitigen Abhängigkeiten.

Das wird bis zum Fast-Zerreißen gespannt, als Rasmus in einem räudigen Landstrich eines armen Staats mit Jugendlichen ein Theaterprojekt aufziehen möchte. Sarkastisch beschreibt die Autorin, dass solch gute Taten vor allem dem Europäer selbst helfen sollen (sie kommen in den Medien gut an), an Ort und Stelle aber schnell in beidseitigem Desinteresse, wechselseitiger kultureller Ignoranz und Überlebensnot versanden. Unaufgeregt eindringliche Bilder von versiffter Hoffnungslosigkeit, lethargischer Lebensstumpfheit und Seelen-zerfressender Verzweiflung findet Sibylle Berg für die heiße Zone wie fürs kühle Deutschland. Die Trostlosigkeit haust in der Umwelt-Verödung, ob am vom Schlachthof verdreckten Strand oder in der architekturdogmatischen Sichtbeton-Siedlung.

In diese müllige Sinnlos-Phase knallt eine sexuelle Explosion. Chloe hat das ganz große Körpererlebnis – allerdings mit Benny. Sie wird süchtig danach, der Verstand macht Pause. Was der rothaarige Mann an erotischen Genüssen drauf hat, konnte ihr Rasmus nie bieten. Berg sorgt dafür, dass der Frauenleib den Boden unter den Füßen verliert in toller Ekstase. Der Frauenverstand indes schickt Chloe dann doch rechtzeitig zum Flughafen und heimwärts. Noch hat der Alltag Auszeit. Benny kommt nach. Sexuell schlagen die Wellen noch einmal hoch, zum Teil sogar für Rasmus. Der leidet zwar, kappt jedoch die Bande zu Chloe nicht. Und auch sie gibt die Ehe nicht auf. Trotzdem verdreckt das reinliche Intellektuellen-Leben durch und durch, stülpt sich um wie ein Magen beim Speien; danach setzt die Gesundung ein. Nur Benny hat nichts mehr damit zu tun.

Sibylle Berg erzählt das in einer Art flottem Schlagabtausch jeweils aus der Perspektive von Frau und Mann. Die Schriftstellerin bleibt dabei ihren Figuren gegenüber recht kühl. Spott macht ihr Spaß, vor allem, wenn es um moderne Bildungsbürger und die Theaterszene (die kennt sie in ihrer „Rolle“ als Dramatikerin) geht. All das ist klug, unterhaltsam zu lesen, berührt einen aber nicht besonders.

Simone Dattenberger

Sibylle Berg: „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“. Hanser Verlag, München, 254 Seiten; 19,90 Euro.

Die Autorin stellt am kommenden Freitag im Münchner Volkstheater ihren Roman vor; mit dabei August Zirner, der am Theater gerade Lessings Nathan spielt, und die Electro-Band Kreidler; Telefon: 089/ 523 46 55.

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