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Zentraler Moment des Stücks: Die Rosen-Überreichung mit Lucy Crowe (Sophie, li.) und Ruxandra Donose (Oktavian).

Neuer "Rosenkavalier": Schonfrist für ein Münchner Opern-Heiligtum

München - Begnadigung für die Inszenierung von Richard Strauss' "Rosenkavalier": In bewährter Aufmachung und mit neuer Besetzung wird das Münchner Opern-Heiligtum an der Staatsoper präsentiert. Die Kritik:

Ab und zu bekommt das Publikum halt doch noch, was es sehen will - und nicht nur das, was es sehen soll. Denn ursprünglich war für diese Saison ja eine neue Inszenierung von Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ geplant. Wie schon sein Intendanten-Vorgänger Sir Peter Jonas schreckte aber auch der sonst so lautstark auf Erneuerung pochende Nikolaus Bachler davor zurück, eines der letzten Münchner Staatsopern-Heiligtümer zu entweihen und gewährte der bereits zum Abschuss freigegebenen Otto-Schenk-Produktion aus den Siebzigerjahren noch einmal eine Begnadigung. Hauptattraktion der aktuellen Serie ist unbestritten Anja Harteros, die bei ihrem Münchner Rollendebüt eine ungewohnt junge Marschallin gibt, die stimmlich noch voll im Saft steht und vom Publikum bereits nach dem ersten Akt aufs Heftigste bejubelt wird.

Trotzdem kommt man nicht umhin zu spekulieren, was ein findiger Regisseur wohl aus dieser Situation an Kapital hätte schlagen können. Denn in Schenks klassischer Sicht, die seit vier Jahrzehnten im Repertoire aufgewärmt wird, wirkt Harteros oft einfach eine Spur zu frisch und unbekümmert. Vor allem neben einem so erfahrenen Oktavian wie Ruxandra Donose, die zwar nicht unbedingt als gestandenes Mannsbild daherkommt, den verliebten Burschen aber mit entwaffnendem Charme und farbenreichem Mezzo so souverän gestaltet, dass sie mühelos zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens wird.

Da versteht es sich fast von selbst, dass ihre Figur bei der quirligen Sophie von Lucy Crowe deutlich mehr Chancen hat als der polternde Baron Ochs - mag der überragende Peter Rose hier auch noch so viel Spielwitz und profunde Basstöne zu seinen Gunsten in die Waagschale werfen. An Dirigent Leif Segerstam werden sich die Geister hingegen wohl scheiden. Er nimmt sich für die kalorienreiche Partitur extrem viel Zeit, was besonders die immer noch zahlreichen Carlos-Kleiber-Jünger im Nationaltheater mit Argwohn verfolgen. Lässt man sich aber auf Segerstams Tempi ein, wartet auch bei ihm das eine oder andere Aha-Erlebnis: Er kann vor allem in den Konversationspassagen mit feinem Klangsinn punkten und versteht sogar bei den altbekannten Höhepunkten, immer wieder individuelle Akzente zu setzen.

Tobias Hell

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