Mit neuer Schubkraft Richtung Europa

Mit einer Rede des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk wird heute Abend die Frankfurter Buchmesse eröffnet. Das Gastland Türkei erhofft sich von der Bücherschau unter anderem auch, dass ihr EU-Beitritt ins Blickfeld rückt.

Über 7000 Aussteller aus mehr als 100 Ländern sowie rund 1000 Autoren – von den Nobelpreisträgern Günter Grass und Orhan Pamuk bis zum Rapper Bushido. Mit der Türkei gibt es außerdem ein attraktives Gastland: Die Vorzeichen für die 60. Buchmesse, die an ihr Rekordniveau vom Vorjahr anknüpfen will, sind gut. Dabei ist die Lage in der konjunktursensiblen Branche angesichts der Finanzkrise nicht mehr so rosig.

Großes Thema ist dieses Jahr das E-Book. Konzerne wie Sony und Amazon stellen ihre neuen elektronischen Lesegeräte vor, die in der angelsächsischen Welt bereits für Furore sorgten. Experten gehen davon aus, dass das E-Book auf dem deutschen Markt bis 2015 einen Anteil von zehn bis 15 Prozent erzielen könnte. Schon jetzt macht unter den 400 000 ausgestellten Titeln das traditionelle Buch nur noch 42 Prozent aus, die digitalen Medien kommen inzwischen auf rund 30 Prozent.

Bei der Ausstellerzahl liegt Deutschland mit rund 3300 Anbietern an der Spitze. Dahinter kommen Großbritannien und die USA. Außer im Falle Großbritannien wird vor allem bei Ländern aus Osteuropa Zuwächse bei der angemieteten Fläche gemeldet. Die Türkei erhofft sich von dem Auftritt als Gastland einen weiteren Schub auf ihrem Weg in die Europäische Union. Rund 250 Schriftsteller – auch von kulturellen Minderheiten – schickt das Land nach Frankfurt. Vor allem das Thema Toleranz und Vielfalt wollen die türkischen Organisatoren ansprechen.

Zum Auftakt sprechen heute der türkische Nobelpreisträger Pamuk, der türkische Staatspräsident Abdullah Gül und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Auch dies ein Beweis für den Wandel. Erst Anfang 2006 wurde in der Türkei eine Anklage gegen Pamuk wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ fallen gelassen. Die Stockholmer Ehrung im selben Jahr galt vielen Türken noch als Schande. Besonderes Augenmerk gilt auch den „Deutsch-Türken“ wie zum Beispiel Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der sich schon längst als Deutscher fühlt. Und zu einem deutsch-türkischen Kulturfest haben sich Fußball-Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Chef Theo Zwanziger angesagt.

Die einheimische Branche richtet ihre Hoffnungen auf die Verleihung des Deutschen Buchpreises (siehe oben). Die vor vier Jahren geschaffene Auszeichnung für die beste literarische Neuerscheinung hat sich zu einem erfolgreichen Marketing-Instrument entwickelt, das der deutschen Literatur auch im Ausland Aufmerksamkeit verschafft. Der Preisträger kann nicht nur sicher sein, dass sein Buch in Deutschland ein Besteller wird, sondern auch in zahlreiche Sprachen übersetzt wird.

Der zum Abschluss der Messe verliehene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wartet mit einem Novum auf: Erstmals erhält ein Bildender Künstler, nämlich Anselm Kiefer, die renommierte Auszeichnung. Der in Frankreich lebende Kiefer ist im Ausland – vor allem auch in den USA – mit seinen geschichtskritischen Skulpturen berühmt geworden.

von Thomas Maier

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