Neueröffnung: Eine große Überraschung

Kochel am See - Eine fantastische Überraschung ist das neue "Franz Marc Museum - Kunst im 20. Jahrhundert" in Kochel am See. Bei der Vorstellung für die Presse (offizielle Einweihung mit Fest am Sonntag ab 14 Uhr) kam man aus dem Staunen nicht heraus.

Seit 1986 kannte der Besucher die bescheidenen Räume in dem alten, netten Haus überm See. Jetzt öffnet sich ein kleiner Park hin zu diesem Gebäude - und sogleich fällt der Blick auf ein richtiges Museum: den zwar dezenten, aber doch selbstbewusst modernen Ergänzungsbau. Im rechten Winkel dockt er an die einstige Museums-Villa, nun Café/ Restaurant, an, ohne sie optisch niederzuwalzen. Hellbeiger Naturstein dominiert den Neubau, unterbrochen von einigen Fensteröffnungen (Architekten Diethelm & Spillmann, Schweiz).

Echte Begeisterung kommt im Inneren des komplett anders gewordenen Franz Marc Museums (FMM) auf. Die erste Sammlungspräsentation, die bis 11. Januar 2009 zu sehen ist, darf man als Knaller bezeichnen. Und damit ist das FMM qualitativ eine schöne Ergänzung, aber auch eine veritable Konkurrenz zum Buchheim-Museum. Die künstlerische Chefin des Marc-Museums, Cathrin Klingsöhr-Leroy, kann nicht nur mit Marc auftrumpfen.

Sie vermag einen imponierenden Überblick zu bieten: vom Blauen Reiter über die Expressionisten der Brücke bis zu Malern wie Rupprecht Geiger, Pierre Soulage oder Fritz Winter, die nach 1945 berühmt wurden. Sie konnte bemerkenswerte Säle zusammenstellen, denn ihr standen die Werke der Marc-Stiftung zur Verfügung und die Sammlung der Stiftung Etta und Otto Stangl sowie einige hochkarätige Leihgaben. Die 90-jährige Charlotte Mittelsten Scheid, Schwester Ettas, schenkte dem Museum zur Eröffnung obendrein eine frisch erworbene Skizze Marcs zu seinem seit der Nazi-Zeit verschollenen Gemälde "Turm der blauen Pferde".

Eigentlich müsste das Haus Stangl-Museum heißen. Nicht nur dass die Münchner Galerie Stangl nach dem Zweiten Weltkrieg den Künstlern der Abstraktion eine Plattform bot, die Stangls gründeten 1985 außerdem die Marc-Stiftung. Hieraus erwuchs das erste Museum. Die Stangl-Stiftung trägt nun zu 80 Prozent die Franz-Marc-Museumsgesellschaft (20 Prozent die Marc-Stiftung). Das FMM wird also zur Gänze privat betrieben. Die Gemeinde Kochel stellte Villa sowie Grundstück (Erbpacht) und kümmerte sich um die Infrastruktur wie den Parkplatz.

Klingsöhr-Leroy will jährlich eine Sonderausstellung entwickeln, darüber hinaus öfters Werkgruppen austauschen. Bei ihrem Konzept ging sie vom Gedanken des "Geistigen" bei Marc aus und gruppierte darum gewissermaßen in konzentrischen Kreisen die Kollegen bis hin zu Henri Matisse und Fernand Léger, Oskar Kokoschka und Hans Hartung.

Zunächst jedoch verzaubert, kaum hat man das großzügige Foyer durchschritten, im ersten Saal eine Paul-Klee-Ausstellung - die dritte Überraschung in diesem neuen Museum. In unheimlicher Schönheit und Vitalität lässt Klee den "Tropischen Garten" züngeln, gegenüber leuchten aus tiefstem Dunkel "Höhlenblüten", während die "Marionette am Fenster" in feine Rot-Lila-Nuancen nach Klee-Art gewürfelt ist. Postkarten an Maria Marc runden diese Präsentation ab.

Im Geschoss darüber genießt der Besucher eine herrliche Fülle an Arbeiten des Blauen Reiter. Marc bildet das Herzstück. In kleinen Schnee-Bildern erkennt man seine spätimpressionistischen Anfänge. Später brilliert er unter anderem mit seinem "Springenden Pferd", den lila-grauen Eseln oder der abstrakten, leuchtend farbigen "Kleinen Komposition IV".

Obwohl es in der Schau keinen dicken kunsthistorischen Zeigestab gibt, kann der Besucher Marcs künstlerische Entwicklung gut verfolgen. Eingestreut in die bayerische Schar der Blauen Reiter sind die nördlichen Brücke-Mitglieder. Aber Heckel, Schmidt-Rottluff oder Pechstein fügen sich ganz natürlich ein. Kluge "Anmerkungen" zu Marc geben die Kabinette, die mal die Kriegsbedrohung, mal die Beziehung zur Dichterin Else Lasker-Schüler illuminieren.

Ein Stockwerk höher - hier lockt der Aussichts-Wintergarten mit Blick auf See und Gebirge - lassen sich Marc und die Folgen nach 1945 bewundern. Man weiß nicht, ob man sich mehr über die atemberaubenden Matisse-Arbeiten der "Jazz"-Serie freuen soll oder über Bissiers verspielte und charmante kleine Blätter. Herzerfrischende Heiterkeit strahlen beide aus.

Insgesamt gut gelungen ist der Rhythmus von luftigen Bildern und solchen, die wie feste Mauern den Raum beherrschen, von filigranem Konstruktivismus und massivem Mal-Gestus. Das baut jeglicher Ermüdung vor - genauso wie die zierlichen Rattan-Sessel. Endlich hat ein Museum erkannt, dass Besucher sich tatsächlich ausruhen und nicht durch Möbel gefoltert werden wollen.

Infos zum Museum

Adresse: Franz-Marc-Park 8-10, 82431 Kochel am See Telefon: 08851/ 92 48 80 Parkplätze: an der Mittenwalder Straße, die Richtung

Walchensee hinaufführt. Öffnungszeiten: ab 22.6., 14 Uhr, Dienstag bis Sonntag April bis Oktober 10-18 Uhr, November bis März 10-17 Uhr.

Karten: 7,50 Euro regulär, 80 Prozent Ermäßigung für Kinder, Jugendliche, Behinderte. Sonderausstellungen 2,50 Euro. Veranstaltungen/ Klassen: Tel. 08851/ 92 48 817. Katalog: "Franz Marc Museum. Werke. Stiftung Etta und Otto Stangl, Franz Marc Stiftung". Wienand Verlag; 39,80 Euro.

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