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Sie tragen ihre Empörung auf die Straße: Stuttgarter, die in der vergangenen Woche gegen die Bauarbeiten für einen neuen Bahnhof in ihrer Stadt demonstrierten. Der ehemalige französische Diplomat Stéphane Hessel fordert jetzt in seiner Streitschrift „Empört Euch!“ Widerstand gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen.

Neuerscheinung: Der alte Mann und die Rebellion

München - Ein Pamphlet als Bestseller: Mit „Empört Euch!“ ist Stéphane Hessel in Frankreich zum Star geworden – mehr als eine Million Mal wurde die Streitschrift bislang verkauft. Jetzt ist das Buch des 93-Jährigen auf Deutsch erschienen.

In der letzten Etappe seines Lebens hält ein Veteran sein Vermächtnis fest: „Wie lange noch bis zum Ende?“, fragt Stéphane Hessel zu Beginn seiner Streitschrift „Empört Euch!“ („Indignez-vous!“). Mit 93 Jahren will der Franzose die Nachkommen teilhaben lassen an den Erfahrungen seines politischen Lebens, an den Lehren aus den Jahren als Kämpfer in der Résistance und den Lektionen vom Widerstand gegen die deutschen Besatzer.

Auf knapp 30 Seiten hat Hessel einen Aufruf zur Rebellion gegen die sich „noch immer weiter öffnende Schere zwischen ganz arm und ganz reich“ geschrieben, ein antikapitalistisches Plädoyer für alte und neue Bürgertugenden. Mit seiner Flugschrift ist er in Frankreich ein Medienstar geworden. Binnen weniger Tage verkaufte ein kleiner Verlag mehr als eine Million Exemplare. Jetzt ist das Büchlein für knapp vier Euro in Deutschland in einer Erstauflage von 50 000 Stück erschienen – und auch hier wird Hessel wohl einen Nerv treffen.

Ob „Stuttgart 21“, Atomtransporte oder Dioxin-Skandal – für „Wutbürger“ hat es in den vergangenen Monaten auch in Deutschland genug Anlässe zur schlechten Laune gegeben. „Wir alle sind aufgerufen, unsere Gesellschaft so zu bewahren, dass wir stolz auf sie sein können“, schreibt Hessel. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich sich immer weiter öffnet, dann sei Widerstand angesagt. Nie sei die Macht des Geldes „so groß, so anmaßend, so egoistisch“ gewesen wie heute.

Hessel, 1917 in Berlin geboren, als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Frankreich ausgewandert, Überlebender des KZ Buchenwald und Diplomat, hat in Frankreich begeisterte Leser gefunden. Kein Wunder: Von der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 über Émile Zolas „J’accuse“ bis zum jüngsten Internet-Manifest „Der kommende Aufstand“ – in Frankreich werden Aufrufe zur Revolte stets begeistert goutiert.

Doch Hessel, Sohn des Dichters Franz Hessel (1880-1941), ist kein „Wutbürger“, der sich den Frust vom Leib schreibt. Ihn treibt mehr an als Wut – es ist die Empörung, die er das Grundmotiv der Résistance nennt. „Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Nazi-Wahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank des Engagements der vielen.“

Hessels Text ist eine Symptombeschreibung. Er will eine Befindlichkeit artikulieren, keine Analyse liefern. Denn auch er spürt: „Boni-Banker und Gewinnmaximierer“ hätten zu viel Macht bekommen, eine neue Ethik sei notwendig. Aber anders als etwa in Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ oder im Plädoyer für Erziehungsdrill der amerikanischen „Tigermutter“ Amy Chua spekuliert Hessel nicht auf die Angst verunsicherter Wohlstandsbürger. Hessel schreibt gegen die Gleichgültigkeit an, getragen vom Optimismus eines freundlichen Menschenbildes.

Intellektuelle in Frankreich werfen dem Autor allerdings vor, keine Rezepte zu bieten. Tatsächlich erscheint der Rundumschlag manchmal arg blauäugig. Befunde wie „die Welt ist groß, wir spüren die Interdependenzen, leben in Kreuz- und Querverbindungen“ umreißen nur ungenügend die komplexe Globalgesellschaft. Und weder Darfur noch Afghanistan, weder die Millionen Aids-Toten in Afrika noch die Lage in Haiti empören den alten Mann so sehr, dass er sie für erwähnenswert hielte. Auch die Diagnose, das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sei wegen George W. Bush und der US-Intervention im Irak ein Rückschritt, bleibt merkwürdig einseitig. Doch vielleicht gehört zur richtigen Empörung auch eine radikale Parteilichkeit.

Von Esteban Engel

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