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Heiß erwartet wurde Cornelia Funkes neues Buch „Reckless“, das wie schon „Tintenherz“ eine Trilogie einleitet.

Neuerscheinung: Cornelia Funkes finsteres Sagaland

München - Eines ist Cornelia Funkes neuer Roman „Reckless" sicher nicht: ein Kinderbuch. Die „Tintenherz"-Erfinderin hat sich für das Abenteuer eine Welt ausgedacht, in der die Märchen der Gebrüder Grimm eine düstere Kulisse bilden. Hören Sie hier rein!

Kein Prinz hat es geschafft, die Dornenhecke zu durchdringen. In fast zweihundert Jahren nicht. Aus dem Gestrüpp um Dornröschens Schloss ragt die mumifizierte Hand eines gescheiterten Recken. Oben im Turm liegt die Prinzessin, tot, ihre Haut trocken und vergilbt wie Pergament, weil sie nie aus ihrem Schlaf erlöst wurde. Neben ihr steht ein junger Mann. Kein Prinz, sondern Will Reckless, dessen Körper und Seele langsam von einem Stein aufgezehrt wird. Und der auf der Suche nach Rettung ist. Die Dunkle Fee hat ihm das angetan. Und eine Fee hat auch Dornröschen verflucht.

Hier gibt es eine Hörprobe, gelesen von Rainer Strecker

Es ist ein finsterer Märchenwald, in den die Tintenherz-Erfinderin Cornelia Funke ihre Leser mit ihrem neuen Roman „Reckless. Steinernes Fleisch“ schickt. Seit gestern steht er in Buchläden zwischen Los Angeles und Moskau, er ist in acht Ländern gleichzeitig erschienen. Funkes Kinderbücher „Der Herr der Diebe“ und die „Tintenherz“-Trilogie haben ihr diesen Weg geebnet. 2008 kam „Tintenherz“ als Film mit Hollywood-Star Brendan Fraser in die Kinos.

„Reckless“, der englische Titel bedeutet „verwegen“, ist eine düstere, mitreißende und leider oft zu hastige Jagd durch eine verzerrte Grimm’sche Märchenwelt. Bei Funke tobt dort ein Krieg zwischen Menschen und den Goyl, steinernen Wesen aus dem Inneren der Erde. Sie erzählt von Liebe und von der Angst vor der Einsamkeit, aber auch von Unterdrückung und der Sehnsucht nach Frieden.

Funke malt diese Welt, so düster sie ist, in bunten Farben. Da rasieren sich Zwerge die Bärte ab, weil das der letzte Schrei ist. Es sind oft winzige Details, die die Erzählung lebendig machen. Und wenn es nur die Stimme der schwarzen Fee ist, die wie Wasser klingt. Viele der 347 Seiten schmückt Funke, die vor ihrer Schriftsteller-Karriere als Illustratorin ihr Geld verdient hat, mit eigenen Zeichnungen. Einiges gibt es dabei zu entdecken, da wuseln zum Beispiel Däumlinge und andere Fabelwesen umher. Nicht zufällig nennt Funke ihre Helden Jacob und Will - englische Pendants zu den Sagensammlern Jacob und Wilhelm Grimm. Mit ihrem Buch scheint die Autorin von Anfang an auf ein englischsprachiges Publikum abzuzielen, auf das ihrer Wahlheimat USA.

Als Will und Jacob klein waren, verschwand ihr Vater spurlos. Doch dann entdeckt Jacob in dessen Arbeitszimmer einen magischen Spiegel - und gelangt durch ihn in eine verwüstete Märchenwelt. In dieser Welt jenseits des Spiegels wächst das vereinsamte Kind zum Abenteurer heran, der für die Kaiserin Jagd auf magische Dinge macht - sprechende Pferdeköpfe oder den goldenen Ball des Froschkönigs. Ein wenig wie im 80er-Jahre-Brettspiel-Hit „Sagaland“.

Jahre später, und da setzt die eigentliche Geschichte ein, durchkämmt Jacob diese Welt mit seinem kleinen Bruder, um Heilung für ihn zu finden. Im Krieg hat ein Hieb der Goyl Will erwischt, und nun breitet der Fluch der Dunklen Fee sich in ihm aus. Er droht, ihn in eine steinerne Kampfmaschine aus Jade zu verwandeln.

Eines ist „Reckless“ sicher nicht: ein Kinderbuch. Die Grimm’schen Märchen sind für sich schon grausam. Hier kommt es nicht weniger geballt: Im Dickicht um das verwaiste Knusperhäuschen lauert ein Schneider, der sich mit seinen Scherenhänden Kleider aus Menschenhaut näht. Die Hochzeit, die Frieden zwischen Goyl und Menschen bringen soll, gipfelt in einem Blutbad.

Funke rauscht im Expresszug durch ihr Sagaland, so dass kaum Zeit bleibt, tiefer in die fantastisch verzerrte Märchenwelt einzutauchen. Zu atemlos ist „Reckless“ über weite Strecken geschrieben, die Charaktere lassen Tiefe vermissen. Und Funke liefert nur Andeutungen, wie es zu dem heftigen Konflikt mit den Goyl kam.

Funke hat ihren Roman zusammen mit Lionel Wigram entwickelt, dem Produzenten der späteren Harry-Potter-Filme. Eine filmische Struktur merkt man dem Buch an: kurze Szenen, Parallelmontagen etwa zwischen den Helden und den Goyl, die hinter ihnen her sind. Noch sei aber keine Verfilmung geplant, sagt Funke.

Viele offene Fragen beantworten hoffentlich die kommenden Teile: „Reckless“ ist als Trilogie angekündigt. Warum findet Jacob in der Stadt der Goyl Spuren seines Vaters? Noch schreibt Cornelia Funke, so ließ der Verlag wissen, einen Erscheinungstermin gebe es noch nicht. Wem „Reckless“ gefallen hat, muss sich also gedulden.

Kolja Kröger

Cornelia Funke: „Reckless. Steinernes Fleisch“. Dressler, 347 Seiten; 19,95 Euro. Hörbuch mit ungekürzter Lesung (8 CDs) bei Oetinger Audio; 29,95 Euro.

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