Henryk M. Broders Schatten fällt auf viele Debatten: In seinem neuen Buch setzt sich der Publizist mit linkem Antisemitismus, Israelhass und Antiamerikanismus auseinander.

Neuerscheinung: Vom linken Judenhass

München - Krachert und klug: Am Dienstagabend stellt Henryk M. Broder sein Buch „Vergesst Auschwitz!“ in München vor.

Das klingt nach Schlussstrich: „Vergesst Auschwitz!“ hat Henryk M. Broder sein neues Buch genannt, das er heute Abend im Münchner Literaturhaus vorstellt. Und natürlich verrät dieser Titel einiges über die Liebe des Autors zur Provokation. Doch dem 65-Jährigen geht es um alles andere als um ein Ende der Debatte. „Vergesst Auschwitz – bevor es zu spät ist!“, lautet Broders vollständige Forderung. In seinem mit ordentlich Furor geschriebenen, lesenswerten Buch knöpft sich der Publizist etwas vor, was es nach Meinung der Betroffenen gar nicht geben dürfte: linken Antisemitismus.

Broders durchaus bedenkenswerte und öffentlich viel zu selten diskutierte These: Die Linke in Deutschland versucht, mit einem als Antizionismus getarnten Antisemitismus die eigene Verantwortung zu relativieren. „So wie Erinnerung heute praktiziert wird“, schreibt Broder, „ist sie eine Übung in Heuchelei, Verlogenheit, Scheinheiligkeit und Opportunismus. Und sie bereitet den Weg für kommende Katastrophen.“ Viele Menschen, die sich an Mahnwachen und Gedenkmärschen beteiligen, würden einzig die von den Nazis ermordeten Juden mögen, denn die seien tot und pflegeleicht. Daraus, dass sie regelmäßig der Shoah gedachten, würden vor allem die deutschen Linken das Anrecht ableiten, lebende Juden und den Staat Israel über Gebühr zu kritisieren. Schließlich habe man selbst ja aus der Geschichte gelernt.

In kurzen, knackig formulierten Kapiteln rechnet Broder dann mit Politikern der Linkspartei, der Grünen oder der SPD ebenso ab, wie mit der Israel-Berichterstattung in Tageszeitungen wie „taz“ oder „SZ“. Die Beispiele, die er anführt, sind meist treffend gewählt und erklären die Empörung des Autors. Nur manchmal stellt sich Henryk M. Broder selbst ein Bein, etwa wenn er nicht nur das Verhältnis der Linken zu Israel geißelt, sondern sich zugleich noch in deren Umweltbewusstsein und Begeisterung für gesunde Ernährung verbeißt. Das hätte es gar nicht gebraucht. Denn besonders bestechend ist die Argumentation immer dann, wenn Broder, der zuletzt mit der großartigen Reportagereihe „Entweder Broder“ in der ARD zu sehen war, nüchtern Nachprüfbares in Beziehung zueinander setzt oder Äußerungen deutscher Politiker und Journalisten zum Nahostkonflikt seziert: Manches davon ist derart tumb und peinlich, dass es ironischer Kommentare des Autors gar nicht mehr bedarf.

So wird klar, warum Broder davon überzeugt ist, dass es den meisten „Israelkritikern“ gar nicht um das Leid der Palästinenser gehe, sondern um die eigene Vergangenheit: Wenn sich selbst Israel unmenschlich aufführt, scheinen gleich auch die Untaten, die im Namen des eigenen Landes begangen wurden, in milderem Licht. Als Beleg für diese These führt Broder unter anderem eine simple Internetrecherche an: „Gibt man bei Google ,Frieden für Palästina‘ ein, bekommt man 1 880 000 Treffer, bei ,Frieden für Tibet‘ sind es immerhin noch 741 000 Treffer, bei ,Frieden für Tschetschenien‘ nur noch 146 000. Dabei hat der Konflikt um Tschetschenien mehr Menschen das Leben gekostet als alle Nahostkriege zusammengenommen.“ Ginge es also wirklich um das Leid unschuldiger Menschen, müssten sich sehr viel mehr Deutsche für Tschetschenien engagieren.

Ja, Broder argumentiert mal klug, mal krachert. Das geht vollkommen in Ordnung, denn so kann er am anschaulichsten den Zusammenhang von Antizionismus und Antisemitismus erklären. „Vergesst Auschwitz!“ sensibilisiert – und das ist mehr, als sich über so manche Gedenkveranstaltung sagen lässt. Dass das Buch obendrein bannt, weil es schlicht gut geschrieben ist, ist bei diesem Autor keine Überraschung.

Michael Schleicher

Henryk M. Broder:

„Vergesst Auschwitz!“. Knaus Verlag, München, 176 Seiten; 16,99 Euro. Der Autor stellt sein Buch heute um 20 Uhr im Münchner Literaturhaus vor. Karten unter Telefon 089/ 29 19 34 27.

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