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Der Jüdische Friedhof in Prag ist nicht nur ein wundervoll verwunschener Ort, sondern löst wie bei Ecos Hauptfigur allerhand Fantasien aus.

Neuerscheinung: Mörder, Spion, Feinschmecker

Schaurig schön-bös: An diesem Samstag kommt Umberto Ecos neuer Roman „Der Friedhof in Prag“ in den Handel

Die Lust am Schauer- und Abenteuerroman, die Lust am Wissen und Belehren: Diese beiden Passionen führt der italienische Schriftsteller und Zeichentheoretiker Umberto Eco (Jahrgang 1932) auch bei seinem neuen Roman „Der Friedhof in Prag“ zusammen. Dort landen wir in dem 519-Seiten-Buch übrigens nie wirklich. Aber was ist schon die Wirklichkeit? Dass ihr oder dem, was wir für sie halten, auf keinen Fall zu trauen ist, macht Eco von Anfang an klar: Ein Erzähler, der später explizit „der Erzähler“ genannt wird – da hört man den Semiotiker trapsen! –, geleitet uns im Frühling 1897 in eine räudige Sackgasse eines verrufenen Pariser Viertels, in einen Trödelladen, der keiner ist, zu einem Notar, der eigentlich Fälscher und Spion ist. Der schreibe gerade, merkt „der Erzähler“ an. Er baut seine Rahmenhandlung auf und reißt sie gleichzeitig ein nach dem Motto: Schaut her, das alles ist erfunden! Zugleich zieht sich Eco sprachlich und erzähltechnisch schnell und geschickt das Kostüm von Alexandre Dumas und Konsorten über. Man spürt förmlich das kindliche Vergnügen am Verkleiden, am intellektuellen Spiel mit dem Leser – dem er noch einiges an Verwirrung zumutet.

Nicht nur, dass sein Protagonist Simonini, der erwähnte Urkundenfälscher, ein Verbrecher und Widerling erster Güte ist, nicht nur, dass Eco ihn in seinen Tagebüchern ausführlich seine schmutzige Seele, seinen amoralischen Verstand und seine bösartigen Klischees ausbreiten lässt, er spaltet ihn obendrein auf. Der Italiener in Paris, den psychische Probleme zum Tagebuchschreiben – auf Anraten eines gewissen Dr. Froïde (!) – gezwungen haben, merkt plötzlich, dass es in einem Teil seiner verwinkelten Wohnung noch einen Abbé Della Piccola gibt. Sind sie nun zu zweit? Oder ein und dieselbe Person in verschiedenen Zuständen? Seltsam ist außerdem, dass sich der Geistliche, mit völlig anderer Schrift, in das Tagebuch einmischt. Noch seltsamer, als sich später herausstellt, dass Simonini diesen Della Piccola schon längst ermordet hat.

Grusel und Rätsel also allerorten. Aber Umberto Eco ist auch Wissenschaftler und Lehrer. Und er will uns nicht allein etwas von Text-Funktionen wie „Leser“ oder Rahmen- und Binnenerzählungen beibringen. Mit dem „Friedhof in Prag“ will er wie schon bei den früheren Romanen vom „Namen der Rose“ bis zur „Geheimnisvollen Flamme der Königin Loana“ Geschichte, ja Zeitgeist-Geschichte analysieren. So reißt er knapp den Judenhass des alten Simonini an, um dann zurückzugehen in dessen Kindheit in Turin. Dort wurde der mutterlose Bub, der nie mehr einen normalen, schon gar nicht sinnenfrohen Kontakt zu Frauen bekommen wird, zum Geschöpf seines verbohrten, antisemitischen, frömmlerischen Großvaters. Eco verwirbelt hier das Wahn-Gewaber der damals virulenten Verschwörungstheorien: Juden und/oder Freimaurer und/oder Jesuiten sind an allem schuld – und wahlweise miteinander verquickt und verfeindet. Obwohl Simonini selbst das „Schema der Allgemeinen Weltverschwörung“ dechiffriert, glaubt er an den blühenden Blödsinn. Und der ist im Prager Friedhof der Juden verankert, wo sich die Agenten der Weltverschwörung getroffen und ihr ruchloses Tun besprochen haben sollen. In seiner späteren „Karriere“ wird er das ausführlich mit „echten“ Dokumenten belegen.

Aus dem piemontesischen Jungfälscher wird schnell ein Spitzel und Agent provocateur der Staatsmacht, der ohne einen Hauch von Gewissensbissen andere verrät und ermordet. Als solcher begleitet er Garibaldis Feldzug auf Sizilien, der die Vereinigung Italiens einleitet. Dort als Spion „verbrannt“ wird er weitergereicht nach Frankreich, wo wir durch seine Hass- und Verachtungs-Brille die turbulenten Zeiten zwischen den Nachkommen von Napoleon, Krieg mit Preußen und Pariser Kommune erleben. Über allem liegt das unheilvolle Geflecht aus französischen, deutschen und russischen Geheimdiensten.

Eco arbeitet mit Hilfe des Abenteuerromans des 19. Jahrhunderts, der vollgestopft ist mit Dunkel- und Hintermännern, Bombenlegern, Angebern, Nebelwerfern und idealistischen Dummköpfen, so kenntnisreich wie brillant die politische Strategie der Desinformation heraus. Ihr Handwerkszeug ist die Intrige. Die führt der Wissenschaftler-Schriftsteller mit seinem didaktischen Furor allerdings in arg vielen Facetten etwas zu gründlich vor. Der Leser kapiert das durchaus schneller, als Eco glaubt. Dennoch bleibt der Roman fast immer spannend, denn die geschichtlichen Ereignisse sind glutvoll geschildert, die Polit-Strategien/-Lügen werden auch heute oftmals genauso eingesetzt, das Schaurige inklusive Okkultismus und Schwarzer Messe funktioniert wie geschmiert. Und der Humor kommt nicht zu kurz. Der liegt nicht zuletzt darin, dass der Roman-„Held“, der nur durch seine Lust am Essen einen Hauch von Sympathie gewinnt, über eine schöne Frau und seinen ersten und letzten Orgasmus in ein Trauma stolpert: Das zwingt ihn zu seinem Rechenschaftsbericht; und dass er am Schluss unbedingt selbst eine dieser neumodischen Bomben in der Pariser Metro deponieren will...

Umberto Eco kreist mit seinem Buch in der Maskerade des Schauerromans beeindruckend das menschenmordende Phänomen des Vorurteils ein. Es ehrt ihn, dass er nicht plump auf den Nationalsozialismus verweist – aber die Idee der „Endlösung“ lässt er deutlich anklingen.

Simone Dattenberger

Umberto Eco:

„Der Friedhof in Prag“. Deutsch von Burkhart Kroeber. Hanser Verlag, München, 519 S.; 26 Euro. Der Roman erscheint auch in einer eBook-Eco-Sammlung mit den Büchern „Der Name der Rose“, „Das Foucaultsche Pendel“, „Die Insel des vorigen Tages“ und „Baudolino“; 39,99 Euro.

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