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Josef Bierbichler ist als Bühnen- und Filmschauspieler (hier in „Winterreise“) bekannt. Jetzt schildert er Schicksale am Ufer des Starnberger Sees.

Neuerscheinung: Der Roman „Mittelreich“ des Schauspielers Josef Bierbichler

München - Die Hiesigen haben natürlich sofort das Ostufer des einstigen Würmsees, der heute Starnberger See genannt wird, vor Augen und das alte Anwesen von Josef Bierbichler in Ambach, wenn er erzählt.

Er, der als Schauspieler auf der Bühne wie im Film seit Jahrzehnten fasziniert, ist nach seiner poetischen Biografie „Verfluchtes Fleisch“ (2001) wieder unter die Schriftsteller gegangen. Er legt jetzt einen Roman namens „Mittelreich“ beim Suhrkamp Verlag vor. Und führt uns schnurstracks in ein ländliches Idyll, das er genauso schnurstracks unterminiert. Nicht nur durch die Wehrmachtsmütze des alten Viktor ist der alte Krieg präsent, sondern auch durch die donnernden Düsenjäger der neue, der Kalte Krieg. „Es ist Ende Juni 1984“, wenn Bierbichlers Text anfängt. Er wird einen Bogen zurück in die Vergangenheit der Seewirtsfamilie und der bei ihr lebenden Leut’ schlagen – und erneut im Sommer ’84 sowie bei Viktor, dem schlesischen Flüchtling, längst Hausfaktotum, landen.

Noch eine Grundierung seines großen See-Gemäldes legt der Künstler sogleich an: die Sexualität. Beim Greis Viktor ist sie noch existent, aber wieder unerfüllt. Bei den Buben, die er hört, ist sie im Kicher-Anfangsstadium, aber noch unerfüllt. Und das ist ihr Hauptmerkmal in dem Roman. Sexualität ist ein dominantes Phänomen; in diesem gesellschaftlichen Geflecht jedoch, das vom Katholizismus geprägt ist, wurde es meist zum Qual-System. Was der Autor am Anfang heiter andeutet, zwischendrin fast zu vergessen scheint, verschärft er später mehr und mehr bis zur Unerträglichkeit: den Terror des Menschen gegen den Menschen durch Sexualität. Das mag die Demütigung der Frau sein oder eines Außenseiters, das mag die Vergewaltigung eines Kindes durch Vertrauenspersonen sein. Wobei der nette Klosterbruder-Lehrer der Täter ist und die Mutter durch Ignorieren Beihilfe leistet.

Josef Bierbichler findet hierfür Bilder und Szenen, die, weil sie eben nicht auftrumpfen, zutiefst schmerzhaft sind. Und er steigert den Druck, bis sich der Höllenschlund von Wahn, Verzweiflung und Sehnsucht nach dem Nichts zum Muttermord öffnet. Bevor der Schriftsteller seine Leser in den Abgrund seiner Figur Semi, selten als „Ich“ auftauchend, führt, schreitet er mit ihnen die kleine und große Geschichte seit 1914 ab. Pankraz, der jüngere Seewirtssohn, wird unerwartet in die Patriarchenrolle gestoßen, weil sein Bruder durch einen Kopfschuss schwer gestört aus dem Krieg zurückkam. Bis zu seinem Tod wird der neue Familienchef, Bauer und Wirt mit dieser Verantwortung hadern. Obwohl er, der gern Sänger geworden wäre, die Aufgabe meistert, weiß er am Ende nicht wofür. Seine Kinder sind ihm entfremdet, vor allem der Sohn Semi. Er wird mit seinem Totenblick die schlimmste und am besten verdrängte Erinnerung aus dem Vater reißen und ihm seine letzte Zuflucht rauben: Der alte Seewirt muss noch einmal den Mord an jüdischen Kindern erleben, an dem er im Zweiten Weltkrieg schon auf dem Rückzug beteiligt war, „und es überkam ihn die Gewissheit, was Glaube ist und Religion und für ihn nie wieder sein wird: Verdrängung und Feigheit.“

In seinem See-Panorama, das sich aus vielen Episoden, Porträts und Lebensgeschichten, auch Naturschilderungen und Anekdoten zusammensetzt, analysiert Josef Bierbichler zugleich das Gebiet am See nahe der großen Stadt. Es entwickelt sich in der erzählten Zeit von einer fast rein bäuerlichen Struktur zu einer Fremdenverkehrsregion. Mit den entsprechenden finanziellen und kulturellen Einflüssen. Erst sind es die Sommerfrischler und Künstler, die den Wandel anstoßen, dann die Ausgebombten und Flüchtlinge. Vor allem ihnen widmet der Verfasser beeindruckende Binnengeschichten. Er ist überhaupt ein liebevoller Erzähler. Genießerisch kann er sich dem Giganto-Theater eines Seesturms hingeben – oder der Schilderung eines Metzger-Unikums – oder der Ankunft des ersten Bulldogs auf dem Hof – oder der virtuosen Überlistung eines Stiers, der in einem kleinen Boot transportiert werden soll.

Josef Bierbichler macht mit „Mittelreich“ seinem Nachbarn aus Berg, Oskar Maria Graf, alle Ehre.

Simone Dattenberger

Josef Bierbichler: „Mittelreich“. Suhrkamp, Berlin, 391 S.; 24,90 Euro.

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