Neuerscheinung: Sympathie für die schwarzen Schafe

Hamburg - Das Bayreuth-Porträt des britischen Publizisten Jonathan Carr, "Der Wagner-Clan", erscheint morgen. Ein Geschichtsbuch für Wagner-Unkundige.

Besser lässt sich der Erscheinungstermin nicht denken. Der Grüne Hügel vor dem Thronwechsel, der Alleinherrscher mürbe argumentiert, die Urenkelinnen zur Machtübernahme gerüstet: Doch Jonathan Carrs Buch bricht kurz vor den aktuellen Entwicklungen ab, die nicht mehr berücksichtigt werden konnten. "Der Wagner-Clan" umfasst den Zeitraum von Richards Leben bis Gudruns Tod - noch immer genügend Stoff für eine intrigen- und faktengesättigte Studie.

Enthüllungen oder neue Analysen darf man sich allerdings nicht erwarten. Der Londoner Jonathan Carr, früher Auslandskorrespondent der Financial Times und mittlerweile in Deutschland lebend, schreibt flockig am Clan entlang. Kein Forscher, sondern ein Leser-Kumpel, der augenzwinkernd signalisiert: Schau', welch seltsames Geschlecht sich im "anspruchslosen Winkel Nordbayerns" zu Kunsthütern aufschwingt.

Vor allem der dünne, zuweilen selbstverliebte Stil und die häufigen Plattitüden irritieren. Der Komponist wird da als "sächsischer Windbeutel" oder als "Pumpmeister aus Leipzig" bezeichnet, Urenkelin Katharina als "Blondinchen", Goebbels als "schäbiger kleiner Nazi mit Klumpfuß", wie überhaupt der Antisemitismus in dieser Familie "gleich einem Killerwal" immer wieder auftauche.

Der Erkenntnisgewinn durch solche Formulierungs-Windbeutel bewegt sich gegen Null. Zudem sind in der deutschen Fassung ärgerliche Fehler durchgerutscht: Wieland Wagner etwa wird stets als "Produzent" tituliert - die falsche wörtliche Übersetzung von "Producer", gemeint ist natürlich "Regisseur".

Carr hangelt sich an den Biografien von Richard und Cosima über Siegfried bis zu Wolfgang entlang, stellt dabei viele Fragen, ohne sie annähernd zu beantworten. Ein Trick, der Analyse vorgaukelt. Denn lohnend wäre es schon gewesen, vom Nacherzählen biografischer Details zu abstrahieren, dabei Kontinuitäten und Parallelen in dieser Familie herauszuarbeiten. Das Pochen aufs dynastische Prinzip etwa, das Verstoßen ungeliebter Angehöriger, die immer wieder auftretenden "Abtrünnigen", auch die Wechselwirkung mit den jeweiligen politischen Rahmenbedingungen.

Offenbar richtet "Der Wagner-Clan" sich an Wagner-Unkundige, die nebenbei noch eine Fastfood-Portion Geschichtsnachhilfe konsumieren wollen. Carr liefert Exkurse über Ludwig II., das "Dritte Reich" und das Zweikammernsystem der Bundesrepublik. Abschnitte, die darauf hindeuten, dass dieses Buch gar nicht für den deutschen Markt gedacht ist.

Interessant wird die Dokumentation immer dann, wenn sich Carr jenen Personen zuwendet, die von außen in die Familie hineinregierten: der antisemitische "Theoretiker" Houston Stewart Chamberlain, natürlich der "Führer" oder der Dirigent, Regisseur und Intendant Heinz Tietjen. Vor allem die Verwicklungen im "Dritten Reich" werden vom Autor hervorgehoben, der den aktuellen Wagners wegen ihrer mangelhaften Vergangenheitsbewältigung im Predigerton zuruft: "Noch ist Zeit zur Umkehr."

Den schwarzen Familien-Schafen gilt Carrs Sympathie. Zuallererst Cosimas Tochter Isolde (die vergeblich um eine Anerkennung als legitimes Richard-Kind kämpfte), später Enkelin Friedelind (die "erste wirkliche Kosmopolitin"). Auch wenn echter Diskussionsstoff ausbleibt: Wie alle der im Jahrestakt erscheinenden Wagner-Wälzer dürfte auch dieser im Vorfeld der Festspiel "naturgemäß" Aufmerksamkeit erregen. Etwas zu viel der Ehre.

Jonathan Carr: "Der Wagner-Clan".

Aus dem Englischen von Hermann Kusterer.

Hoffmann und Campe, Hamburg

400 Seiten; 22 Euro. 

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