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Reisen und Wandern: Theodor Fontane war viel unterwegs, wenn auch öfters genervt von den unhygienischen Zuständen seiner Zeit. Hier ruht er aus am Fontaneplatz in Neuruppin.

Neuerscheinung: Theodor Fontanes Reisetagebücher

München - Wohin ging der Schriftsteller aus Preußen zum Kaffee, wenn er in München Station machte? In die Luisenstraße 49, in die Villa gleich neben den Propyläen.

Dort nämlich hatte sich dereinst der Berliner Schriftsteller-Freund Paul Heyse häuslich niedergelassen. Und auf den ausgedehnten Reisen, die Theodor Fontane (1819-1898) in den letzten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts unternahm, nutzte er seine Touren in den Süden zu einem kurzen Halt in der bayerischen Metropole.

Das Hotel Marienbad an der Barer Straße 11 wurde ihm zur vertrauten Heimstatt, und die kulinarischen Genüsse mit dem Ehepaar Heyse glichen einer lieben Gewohnheit. So sehr Fontane auch seinem Brandenburger Land und den Berlinern verbunden war, hatte er sich 1859 dennoch um eine Anstellung am Hof Maximilians II. bemüht, in dessen Diensten auch Dichter Heyse seit 1854 stand. Für Fontane aber ging das negativ aus, und fortan begnügte er sich mit der Durchreise. Aber selbst bei den bayerischen Stippvisiten versäumte er nicht, seine Eindrücke von Land und Leuten mal mehr, mal weniger bemerkenswert ins Notizbuch zu notieren, so wie es der Verfasser der „Effi Briest“ und des „Stechlin“, der „Wanderungen durch die Mark“ und zahlreicher Berliner Theaterkritiken auf all seinen Reisen tat.

Sind die ersten beiden Bände der Fontane-Tagebücher, die hauptsächlich von den damaligen Kriegsschauplätzen erzählen, bereits vor einigen Jahren erschienen, liegt jetzt der dritte Band der Tagebücher vor, die die Urlaubsreisen beinhalten. Das ist auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär, und doch ist dieser hervorragenden, von Gotthard Erler und Christine Hehle herausgegebenen Edition ein immenser Forschungs- und verlegerischer Aufwand vorausgegangen. Der Anhang nimmt so viele Seiten ein wie die Tagebuch-Notizen selbst und ist mindestens ebenso interessant und aufschlussreich. Fontane zum Kennenlernen, aber wider Erwarten nicht immer sympathisch.

Reisen nach Italien und Frankreich, an den Rhein, nach Böhmen, Österreich und Schlesien, Schleswig-Holstein, Bayern und Franken haben den Mann, der uns in seiner Literatur als ein generöser, weltoffener, toleranter Kenner von Menschen und sozialen Verhältnissen begegnet, sich kommod einrichten lassen in seinen Vorurteilen. Heimatliebe ja, aber vielleicht grenzte es doch an preußische Borniertheit, wenn er zum Beispiel die Brandenburger Kaffs und das Seenland über Rom und die Campagna stellt. 1896 schrieb er in einem Brief: Das „herkömmliche durch die Galerien Gejagtwerden ist nicht bloß eine Grausamkeit, sondern der reine Unsinn“. Und an anderer Stelle bekannte er: „Man braucht nicht alles zu sehen, aber gewisse Nummern sind unerlässlich.“ Da war Friedrich II., wie derzeit in der Potsdamer Ausstellung zu sehen ist, gut hundert Jahre vor Fontane doch schon viel weiter.

Wenn er auch nur zu gern die deutschen Städte und Landschaften erkundete, die unzumutbaren hygienischen Zustände haben dem Dichter so manchen Luftkurort vergällt. An seine Tochter Martha schrieb er 1896: „Wie Kanonenluken in die Welt hineinstarrende Klosett-Rachen (Wernigerode), Dünensand, der bibbert und Wellen wirft von den verscharrten Fleischabfällen (Norderney), Gänsedreck-Ocean und zum Färben aufgethürmte alte Judenhosen (Krummhübel) – das heißt Sommerfrische, Luftbad.“ Statt Nordsee dann doch lieber Spreewald, resümierte Fontane. Und auch mit Italien hielt er es ja nicht so. Viel mehr gefiel dem unermüdlich Schreibenden Frankreich. Nach dem Krieg 1870/71 reiste er durch das von deutschen Truppen besetzte Land, und alles, was er hier notierte, hatte den Zweck, die Vorurteile abzubauen und es so zu schildern, als sei es nicht Feindes-, sondern heimatliches Gebiet. Darauf weist Herausgeber Erler klug in seiner Einleitung hin. Fontane zeigte immer die Parallelität französischer Städte mit deutschen Kommunen auf. Reims sei wie Mainz, Metz wie Leipzig, Amiens wie Erfurt, und die Place Broglie in Straßburg finde ihre Entsprechung in der Straße Unter den Linden in Berlin. „Die Betonung des Ähnlichen“, schreibt Erler, „demontiert die Vorstellung vom unzivilisierten ,Feindesland‘, verweist auf Verwandtschaft und belegt vor allem Fontanes oft gebrauchte Metapher für Toleranz: ,Hinterm Berge wohnen auch Leute‘ und, wie er im ,Stechlin‘ präzisieren wird, ,mitunter noch ganz andere‘.“

Ja, mit so schönen Sätzen der Erkenntnis erobert sich Fontane immer wieder neu die Herzen seiner Leser, die seine Werke zu Recht lieben. Doch die Veröffentlichung seiner Urlaubsnotizen kratzt – wie es im Übrigen auch schon die vorangegangenen Tagebücher taten – an dem Idealbild vom großen Märker aus Neuruppin. Theodor Fontane war durchaus antisemitisch gestimmt. Bei seinen Reisen durch Schlesien notierte er über Breslau: „Die Stadt im Ganzen wirkt sehr gut; der neue wie der alte Theil haben ihre Vorzüge und Reize; nur die Bevölkerung macht in dem Mittelpunkt der Stadt und den angrenzenden alten Straßen keinen guten Eindruck. Zu viel Juden, zu viel Unsauberkeit und Häßlichkeit.“ Und über den Kurort Salzbrunn hielt er in seinem Tagebuch fest: „Salzbrunn hat indessen etwas schlesisch-Gemüthliches in der Anlage voraus... Ungenießbar wird es indessen durch die Unmasse von Juden, die sich umhertreiben, und nicht feinste Art. Es ist geradezu Juden-Badeort. Dazu gesellen sich die Polen, wodurch es – bei allem Respekt vor diesen – für einen Deutschen nicht gerade angenehmer wird.“ Das sind Sätze, die jeden Fontane-Verehrer schmerzen müssen, selbst wenn es ihm bewusst ist, dass seit der Reichsgründung die antijüdische Stimmung in Deutschland, die latent immer vorhanden war, erheblich zunahm.

Ein großer Schriftsteller in seinem Widerspruch: „Die Reisetagebücher“ geben einen hervorragenden, immer wieder auch überraschenden Einblick in das Leben und das Denken des Theodor Fontane.

SABINE DULTZ

Theodor Fontane: „Die Reisetagebücher“. Herausgegeben von Gotthard Erler und Christine Hehle. Große Brandenburger Ausgabe, Aufbau Verlag, Berlin, 922 Seiten; 48 Euro.

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