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Der Euro taumelt durch unkontrollierte Märkte. Gegen sie stemmt sich die „Occupy“ Bewegung; hier ein Aktivist mit der Guy-Fawkes-Maske.

Neuerscheinung: Der Thriller zur Finanzkrise

München - Robert Harris ist ein Autor mit einem Faible für historische Stoffe und Geschichten, die seine Leser nicht mehr ruhig schlafen lassen. Sein neuestes Buch ist allerdings auch noch brandaktuell: „Angst“ erzählt einen Tag voller Turbulenzen an den Börsen – und anderswo.

Robert Harris gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart – und zu den besten Thrillerautoren weltweit. „Angst“ beweist einmal mehr, warum: Das jüngste Werk ist spannend wie gewohnt und diesmal auch noch ausgesprochen aktuell. Es ist gewissermaßen der Thriller zur Finanzkrise. Turbulenzen an den Börsen, Unsicherheit an den Finanzmärkten, die Gier nach immer irrwitzigeren Gewinnen und die Angst vor dem ganz großen Crash sind der Hintergrund einer auf den ersten Blick abenteuerlichen, aber vielleicht doch gar nicht so abwegigen Geschichte.

Harris hat in Cambridge Geschichte studiert und lange als Journalist unter anderem für die BBC gearbeitet. Etliche seiner Bücher widmen sich historischen Themen: „Imperium“ und „Titan“ etwa spielen in der römischen Antike, „Enigma“ ist ein Spionagethriller über die Chiffriermaschinen, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg einsetzten. Aber historische Fakten haben ihn immer nur begrenzt fasziniert. Schon sein Debütroman „Vaterland“ war einerseits unglaublich spannend, andererseits ausgesprochen fantasievoll: Die Handlung spielt in einem Europa, in dem Hitler den Krieg gewonnen hat und die Nazis den Kontinent beherrschen.

Das klingt abstrus, aber Harris recherchiert viele Details so gut, dass es glaubwürdig wirkt. Und er erzählt in solchem Tempo, dass der Leser keine Zeit hat nachzugrübeln, ob das alles ganz plausibel ist. In seinem neuen Buch taucht dieses Muster wieder auf. Der Plot ist eine moderne Frankenstein-Geschichte mit einem Computerprogramm als Monster, das sich nicht mehr beherrschen lässt. Es heißt Vixal-4 und soll einem Hedgefonds helfen, durch automatisierte Entscheidungen an der Börse Milliarden zu verdienen. Das ist viel weniger Fiktion, als es zunächst klingt.

Denn Computer entscheiden an den Aktienmärkten längst mit. Harris lässt seinen Roman am 6. Mai 2010 spielen, einem Tag, der in die Börsengeschichte einging, weil Investoren und Brokern zeitweilig der Schweiß auf der Stirn und die Angst ins Gesicht geschrieben stand: Einzelne renommierte Unternehmen verloren zeitweilig fast 40 Prozent an Wert. In kürzester Zeit wurden Millionen von Aktien gehandelt. Der Dow Jones schmierte innerhalb einer Stunde um 1000 Punkte ab, legte später aber in einer Viertelstunde 600 Punkte zu, und keiner wusste, warum das alles. „Flash Crash“ nannten das die Börsianer.

Vielleicht waren Computer schuld daran: Rechner entscheiden mit darüber, ob Aktien verkauft werden sollten, wenn bestimmte Grenzwerte überschritten sind. Man muss kein Thrillerautor sein, um sich zu fragen, ob dadurch eine Kettenreaktion ausgelöst werden kann, die sich nicht mehr stoppen lässt. Genau hier knüpft Harris an: Sein sozial leicht gestörter Held, Dr. Alexander Hoffmann, ein hochintelligenter, mathematisch versierter Physiker, hat ein Programm entwickelt, das Börsenentscheidungen trifft. Es analysiert die Finanzmärkte besser als jeder alte Hase an der Wall Street.

Bislang funktionierte das unheimlich gut. Aber dann gerät Hoffmanns Welt aus den Fugen. In seine Luxusvilla am Genfer See wird eingebrochen. Jemand hat den Zugangscode geknackt und verfolgt ihn offenbar auf Schritt und Tritt, kennt jeden seiner Gedanken, seine Schwächen, seine Ängste. Angst ist das beherrschende Thema des Romans: Hoffmann, der hochintelligente Rationalist, der es gewohnt ist, anderen intellektuell immer ein paar Schritte voraus zu sein, hat Angst, sich selbst nicht mehr zu verstehen.

Seine Frau hat Angst, er werde verrückt. Sein Partner hat Angst um das viele schöne Geld. Angst beherrscht auch Investmententscheidungen – die Angst vor Kursverlusten ist der Grund für Verkäufe. Und der Leser, der weiß, dass all diese Sorgen nur zu berechtigt sind, hat Angst, nachts nicht mehr durchschlafen zu können. Denn „Angst“ ist eines dieser Bücher, das man lieber nicht aus der Hand legt, bevor man weiß, wie es ausgeht, so spannend erzählt, dass beim Lesen verstärkt Adrenalin ausgeschüttet wird.

Wer die fast 400 Seiten nicht in einem Rutsch schafft, vergewissert sich vor dem Schlafengehen, ob die Haustür tatsächlich zu ist. Auch wenn nicht zu viel verraten werden soll: Es geht einiges den Bach herunter in diesem Thriller, Polizei und Feuerwehr haben alle Hände voll zu tun. Aber Hoffmann überlebt. Und die Börsen stabilisieren sich – beruhigt schlafen kann man hinterher dennoch nicht.

Robert Harris: „Angst“. Heyne, München, 383 Seiten; 19,99 Euro.

Andreas Heimann

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