Die Münchner Kammerspiele zeigten zum Auftakt des Berliner Theatertreffens Johan Simons’ Inszenierung „Gesäubert – Gier – 4.48 Psychose“ (Szene mit Stefan Merki, li., und Stefan Hunstein). dpa

Neues aus der Anstalt

München - Die Münchner Kammerspiele sind mit zwei Produktionen beim Berliner Theatertreffen zu Gast. Das Ensemble spielt in der Hauptstadt groß auf.

Die Provokation hat geklappt. Als Thomas Schmauser mit seinem langsamen Zählen eine ruhige Kugel nach der anderen schiebt und endlich bei 50 angekommen ist, braust Beifall auf. „Und vielleicht jetzt mal rückwärts“, ruft einer aus dem Parkett, andere markieren ostentatives Schnarchen, und dann wird auch noch rhythmisch geklatscht. Schmauser ist nicht zu irritieren, hochkonzentriert spielt er ein wenig den Verunsicherten, zählt dann aber weiter. Ihm war es gelungen, das Berliner Publikum aus seiner Schockstarre zu lösen, in die es in diesem ersten Drittel des Abends aus lauter Respekt vor der nachgespielten, imitierten Psychiatrie und wohl auch aus Scham über den eigenen Voyeurismus verfallen ist.

Neues aus der Anstalt oder drei Stücke von Sarah Kane: Zur Eröffnung der 49. Ausgabe des Berliner Theatertreffens (bis 21. Mai) spielten die Münchner Kammerspiele groß auf. Zuerst mit zwei Vorstellungen von „Gesäubert - Gier - 4.48 Psychose“, jenen Stücken, in denen die 1999 jung verstorbene Autorin ihr Leiden an der Welt an dem Leid der psychisch Kranken ihres eigenen Umfelds misst. Die Depression als Ausdruck unserer Gesellschaft, leicht und perfekt inszeniert von Hausherr Johan Simons und gespielt von einem vortrefflichen Ensemble, das besonders in „Gier“ mit Sylvana Krappatsch, Sandra Hüller, Stefan Hunstein und Marc Benjamin beeindruckte. Das konnten am Ende auch die Berliner bejubeln.

Mit einigen Buhs quittierten sie dagegen den Münchner „Macbeth“, das heißt, seine Regisseurin Karin Henkel. Shakespeare in Stichworten - das ist auch in Berlin nicht jedermanns Sache. Aber das bisschen, das Henkel von der Tragödie übrig lässt, bringt sie richtig gut auf die Bühne, denn Jana Schulz, bei der Macbeth eher ein Kindersoldat in gehobener Position ist als eine Person von Shakespeare’scher Charakterfülle, berührt doch mit ihrem Spiel Hirn und Herz des Publikums. Und irgendwie stellt sich auch - ob beabsichtigt oder nicht - eine Verbindung zwischen beiden Produktionen her, zwischen Psychiatrie und Schlachtfeld: das Trauma der Getriebenen, der Zwang der Erwartungen, die Qual der Erinnerung, die die menschliche Seele in die Knechtschaft zwingen. Insofern war es sinnvoll, Kane und Shakespeare von der Isar an die Spree zu holen. Das Publikum des Theatertreffens - neugierig wie eh und je - bot den Münchnern jedenfalls herzliche Aufnahme. Allerdings in Erwartung all jener Inszenierungen, die bei diesem Theatertreffen noch zu sehen sein werden - aus Hamburg, Wien und Bonn. Dass dabei auch dreimal Castorfs Volksbühne „geladen“ ist, dürfte für die Berliner weniger spannend sein.

Ein wirkliches Drama, das sich gerade in ihrer Stadt abspielt, ist der kulturpolitische Skandal um die Schauspielschule Ernst Busch. Der Senat hat dem dringend notwendigen, bereits schon beschlossenen und fest geplanten Neubau kurzfristig eine Absage erteilt. Und die Studenten nutzen jede Gelegenheit, öffentlich - und das höchst wirkungsvoll - zu protestieren, so auch am Sonntag in der ARD-Sendung von Günther Jauch (wir berichteten). Das Theatertreffen bietet ihnen eine gute Plattform. Und Thomas Oberender, der neue Intendant, sorgt mit großzügiger und solidarischer Geste für einen gelungenen Festival-Start.

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