Neues Bellevue

- Man ahnt von nichts. Steht man vor dem Gründerzeitkomplex der ehemaligen Bayerischen Staatsbank (heute HypoVereinsbank), der im Herzen Münchens, Kardinal-Faulhaber-Straße 1, just zwischen der Theatiner- und der Frauenkirche seine massiven neobarocken Flügel ausbreitet, so liegt nichts ferner, als in seinem Innern ein Architekturkonzept zu vermuten, das auf leichten Freiraum baut. Doch genau dies ist der Fall - besonders nach dem gerade abgeschlossenen Umbau durch die Architekten Guido Canali und Gilberto Botti.

Das Werk von Albert Schmidt gliederte sich in einen quadratischen Süd- (1893/4) und einen rechteckigen Nordteil (1907/8). Canali/Botti hüten dies Prinzip, entwerfen zwei Höfe auf unterschiedlichen Ebenen: das kleine sechseckige Atrium im Erdgeschoss, darüber eine Wartezone; das große rechteckige Atrium auf Niveau des ersten Stocks, darunter "wie in einer Nussschale" (Botti) der ehemalige Tresorraum, heute Maximilianssaal für Tagungen oder Konferenzen.

Das neue HVB-Viertel umfasst fünf miteinander verbundene Gebäude, darunter auch das Palais Preysing in der Prannerstraße, 1735/40 im Cuvillié´s-Stil errichtet. Seit dem Zweiten Weltkrieg besteht auch der einstige Stolz fast nur noch aus Fassade. Seinem 50er-Jahre-Innern fehlt zudem der alte Charme im neuen Kostüm - der Charme des Staatsbank-Umbaus: Der erste Stahlskelettbau Bayerns steht noch auf seinen antiken Eisenstützen, die hohen Steinsäulen des Großen Atriums dagegen sind reine Reminiszenz. Auch die Glashimmel der ungleichen Brüderhöfe gab es bereits zur Jahrhundertwende; nun sind sie zu Flachdächern emporgehoben.

Transparenz ist das Wort, das von den Wänden hallt, wenn die sich per Knopfdruck wundersam aus der Intimität in die Gesellschaft öffnen: Glas ermöglicht Blicke auf die umliegenden historischen Gebäude, auch Ausblicke über Münchner Wahrzeichen, von den wandbegrünt frischen Sitzungsräumen im "Dachgeschoss" aus. Fast will man dieses lichte Werk ein "Münchner Bellevue" nennen, das HVB-Stadtschloss mit der schönen Aussicht. Und obgleich es nicht länger eine Schalterhalle beheimatet, sondern die Konzernzentrale der HVB Group, so fehlt in seinem Sicht-Spektrum auch nicht die Einsicht der Öffentlichkeit. Kein reines Büro-Arkaden-Panoptikum des Bankenvorstands also: Die Aus- und Durchblicke wie das Motto "Kommunikation und Menschen" - davon zeugt die üppig ausgestellte Kunst - gelten einem Veranstaltungszentrum, das in Kürze das kulturelle Angebot des Viertels bereichern will.

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