Neues BR-Radioprogramm: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

München - Bayern plus bietet ein neues Schlager-Programm, das jedoch nur die wenigsten Hörer empfangen können.

"Die schönsten Schlager und Melodien, vor allem aus deutschsprachigen Ländern, Volksmusik aus Bayern und seinen Nachbarländern" - mit diesen Worten bewirbt der Bayerische Rundfunk (BR) seinen neuen Kanal Bayern plus, der seit Anfang des Monats auf Sendung ist (wir berichteten).

Doch großer Jubel wird bei den Hörern, die genau diese "Farben" beim BR vermisst haben, nicht aufkommen, denn zum Empfang des digitalen Angebots ist ein spezielles Radiogerät erforderlich, das zu Preisen von 90 Euro aufwärts zu haben ist. Ein Umstand, der Hörer Bernhard Olbertz zutiefst empört: "Wo gibt's denn so etwas, dass ein Sender ein Programm anbietet, man aber erst einmal selbst das passende Gerät anschaffen muss, um es hören zu können? Wir zahlen ja schließlich schon Rundfunkgebühren!"

Für den 63-Jährigen, der aus dem nordrhein-westfälischen Eschweiler stammt und seit zehn Jahren in Unterföhring (Landkreis München) lebt, ist die Verbreitung ausgerechnet von Bayern plus per Digital Audio Broadcasting (DAB) durch den Münchner Sender kein Zufall: "Die wollen doch gar nicht, dass das jemand hört, damit sie einen Grund haben, es schnell wieder einzustellen." Die Adressaten des neuen Angebots, ältere Menschen, besäßen weder die technische Kenntnis noch möglicherweise das Geld, sich entsprechend auszurüsten.

Dabei sei mehr Einheimisches im Programm längst überfällig, zürnt Olbertz: "Wenn man Glück hat, laufen in Bayern 1 pro Stunde zwei deutsche Titel, wenn man Pech hat, nur einer." In keinem anderen europäischen Land werde die Landessprache bei den im Radio gespielten Musiktiteln von den Sendern so gering geschätzt.

Den Vorwurf des Unterföhringers, Bayern plus sei vom BR schon als "Totgeburt" konzipiert worden, weist Sendersprecher Rudolf Küffner zurück. Der Rundfunkstaatsvertrag verbiete nun einmal die Einrichtung eines weiteren analogen Hörfunkkanals, daher habe es nur die Möglichkeit gegeben, Bayern plus dann eben digital zu verbreiten. Doch schließlich sei DAB die Technik der Zukunft und Bayern in der Digitalisierung der Verbreitungswege für Radio- und Fernsehprogramme schon weit fortgeschritten.

Dass DAB-Radios mit 90 Euro "eigentlich zu teuer" sind, räumt Küffner ein und verweist auf die Verantwortung der Hersteller. Die Industrie verschleppe unverständlicherweise eine Entwicklung, für die "von unserer Seite alles getan wurde". Schließlich erlaubten DAB-Empfänger Musikgenuss in viel besserer Qualität als die konventionelle analoge Technik. Allerdings, so betont Küffner, könne man Bayern plus auch ohne neues Radiogerät empfangen. In bereits digitalisierten Kabelnetzen und über Satellit lasse sich das Programm auch über die Lautsprecher des Fernsehers hören (siehe unten).

Nicht bestreiten will der BR-Sprecher, dass die Einrichtung eines neuen Kanals mit ausschließlich deutschsprachiger Musik auch eine Reaktion auf Beschwerden gewesen sei. Der Sender hatte bisher stets auf die hohen Hörerzahlen von Bayern 1 verwiesen. Sie zeigten, dass die Mischung stimme. "Die Mehrheit wünscht sich nicht nur Schlager oder Volksmusik", hatte Bayern 1-Chefin Susanne Zimmer noch vor einem Jahr im Gespräch mit unserer Zeitung betont.

Viel Geld hat der Sender laut Küffner nicht zur Verfügung für das jüngste, noch etwas schwächliche Kind der Hörfunkprogrammfamilie. Der langjährige Bayern 3- und Bayern-1-Mann Thomas Gaitanides (60) ist derzeit der einzige Moderator.

Schlagerfan Bernhard Olbertz kann sich über das neue Angebot, für das er die nötige "Hardware" erst besorgen muss, nicht so recht freuen: "Das ist doch merkwürdig, dass man in Deutschland so darum kämpfen muss, Lieder in seiner Muttersprache zu hören." Kein Geringerer als Dieter Thomas Heck pflichtet dem Unterföhringer bei. Heck, einst mit der Bayern-1-Sendung "Start ins Wochenende" selbst für den BR tätig, schüttelt über die Entscheidung, ein Schlager-Programm nur digital zu verbreiten, den Kopf. Dass man ein neues Radio kaufen müsse, um beim Münchner Sender Deutsches zu hören, sei "unbegreiflich", so der 70-Jährige an die Adresse seines ehemaligen Senders.

Infos zu Bayern plusDas neue Hörfunkprogramm Bayern plus bietet ab 8 Uhr morgens jeweils zur vollen Stunde Nachrichten, Wetterbericht und Verkehrsmeldungen.

"Das Magazin" von 8 bis 13 Uhr, moderiert von Thomas Gaitanides, hält außer viel Musik Aktuelles vom Tage aus Bayern und der Welt bereit, ferner einen Verbraucherservice, Tipps zu den Themen Gesundheit, Sport und Freizeit, Natur und Umwelt sowie Kultur.

Zwischen 13.05 Uhr und 16 Uhr erklingen "Die schönsten Schlager und Melodien". Die Sendung "Daheim" ist traditioneller Volksmusik aus Bayern und den Nachbarländern vorbehalten, und von 18 Uhr bis 8 Uhr morgens gibt es wieder "Die schönsten Schlager und Melodien".

Zu empfangen ist Bayern plus laut BR weltweit im Internet, europaweit über Satellit, deutschlandweit im digitalen Kabel und bayernweit über Antenne (terrestrisch) mit einem DAB-Radiogerät.

Wer über eine digitalen Satellitenanlage oder einen digitalen Kabelanschluss mit digitalem Receiver verfügt, kann Bayern plus über das Fernsehgerät und eine angeschlossene Stereoanlage hören.

Laut Bayerischer Landeszentrale für neue Medien (BLM) sind derzeit etwa zwei Drittel der rund 2,6 Millionen über Satellit versorgten bayerischen Haushalte digitalisiert, bei den rund 2,3 Millionen Kabelhaushalten im Freistaat beträgt die Quote 21 Prozent. 

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