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Viele Menschen haben die Katholische Kirche verlassen, Kardinal Marx stellt die Frage nach dem Überleben der Institution.

Neues Buch

Kirche im Überlebenskampf - Kardinal Marx fordert Reformen

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München - Sechs Wochen vor dem Beginn der Familiensynode in Rom legt der Münchner Kardinal Marx ein 122-seitiges Plädoyer für eine Erneuerung der katholischen Kirche vor. Keine oberflächliche Anpassung an die Moderne fordert er, sondern eine geistliche Offensive und eine Öffnung zur Welt.

Wer das Buch in die Hand nimmt, der hört Reinhard Marx reden. Es erscheint dem Leser fast, als habe der Münchner Kardinal für die 122 Seiten des kleinen, aber feinen Werkes mit dem Titel „Kirche überlebt“ seine Vorstellungen von der Zukunft der Kirche in einem Rutsch ins Diktiergerät gesprochen. Doch da wurde auch aufmerksam gefeilt, jedes Wort ist wohlüberlegt. Der Kardinal weiß besser als viele andere um die Richtungskämpfe innerhalb der Kirche. Umso größere Aufmerksamkeit dürfte dem Buch zuteil werden.

Marx, der nicht nur Münchner Erzbischof und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, sondern auch einer der engsten Berater von Papst Franziskus, legt keinen billigen Runderneuerungs-Leitfaden für die in schwere Wetter geratene Institution vor. Im Gegenteil: Das Buch ist eine ernsthafte Analyse der schwierigen Situation und gleichzeitig eine kraftvolle Offensive für eine glaubwürdige, zukunftsorientierte Kirche. Denn: In die globalisierte Welt und die kulturell vielfältige Gesellschaft „gehören das Evangelium und die Kirche als kritische Wegbegleiterin, die sich nicht zurückzieht und sich nur an der Vergangenheit orientiert“.

Marx wirft provokative Fragen auf: „Ist Kirche überlebt? Überlebt Kirche sich?“ – und stellt sich ihnen. Angesichts der enormen Veränderungsprozesse, vor denen die Institution mit der Kurienreform in Rom, den Finanzdiskussionen und den Debatten über das Ehe- und Familienbild steht, ist sein Buch ein Appell an die traditionalistischen Bewahrer, sich notwendigen Veränderungen nicht zu verschließen. All jenen, gerade im Kardinals- und Bischofskollegium, die Erneuerungen ablehnen, vor seelsorglichen Öffnungen warnen und einen Traditionsbruch befürchten, schreibt Marx ins Stammbuch: „Das Alter und die Autorität einer Institution schützen weder vor dem Niedergang noch reichen sie aus als Quelle der Erneuerung. Wer darauf baut, sollte sich eher bemühen, die Kirche zum Weltkulturerbe zu erklären.“ Und schickt hinterher, dass die Kirche als Institution kein Selbstzweck ist, sondern eine Gemeinschaft, die sich auf die ganze Welt richtet, auf alle Menschen. Sie sollen die befreiende Botschaft des Glaubens erfahren.

Marx ruft zu einem „Verständnis für die Wirklichkeit von Ehe und Familie“ auf – ohne die Knackpunkte der bevorstehenden Familiensynode wie den Umgang mit Wiederverheirateten oder Homosexuellen zu benennen. Er steigt im Vorfeld der Synode – taktisch klug – nicht in die Details der Debatte ein, sondern zeigt die großen Linien auf: Die Menschen sollen Glauben als Qualitätssprung erfahren, nicht zunächst als Problem. Ihm ist es zu wenig, in Fragen der Moraltheologie nur auf den Katechismus zu verweisen. Gleichzeitig wirbt er für Dialog und synodale Foren: „Wir müssen also lernen, in der Kirche offen und geistlich auch über den Glauben zu sprechen.“ Freilich: Mehrheitsvoten sind für ihn keine Lösung, denn in der Kirche sei Gott der Souverän, nicht das Volk. Aber ein offenes Ringen um Fragen von Moraltheologie, Soziallehre und Organisationsstruktur – auch mit der Theologie und den Laien – hält er für unverzichtbar: „Der Weg der Erneuerung kann nur in einem neuen Miteinander, im Hören auf das Evangelium und in einer verstärkten, synodalen Suchbewegung gefunden werden.“

Geschickt zieht Marx zur Unterstützung seiner Thesen zentrale Aussagen des II. Vatikanischen Konzils, von Papst Franziskus, aber auch von dessen Vorgänger Benedikt XVI. heran. Quellen, die auch selbsternannte Traditionsbewahrer nicht in Zweifel ziehen können. Wer würde es wagen, dem großen Konzils-Papst Johannes XXIII. zu widersprechen, der diejenigen zurechtwies, die mit den modernen Zeiten nur „Unrecht und Niedergang“ verbinden? Für die früher alles besser war und die in der Moderne das Unheil aufziehen sahen – als ob das Ende der Welt bevorstünde. Daran knüpft auch Marx an, der sich gegen ein Lamento über den moralischen Niedergang der modernen Welt wehrt: „Als wäre es in früheren Jahrhunderten moralisch besser zugegangen.“ So einfach könne man es sich nicht machen. „Mit einer Haltung der Anklage und mit Jammern über die böse Welt kann und darf die Kirche das Evangelium nicht verkünden, sonst setzt sie sich ins Unrecht und wird nicht mehr ernstgenommen.“

Viele Aufgaben muss die Kirche nach Ansicht von Marx anpacken, damit sie in einer offenen Gesellschaft ihre prägende Kraft behält oder wiedergewinnt. Er plädiert für eine größere Dezentralisierung, mehr Eigenständigkeit der Ortskirchen (die keine Filialkirchen Roms seien), bessere Verwaltungen und moderne Personalführung. „Der Umgang mit dem Missbrauchsskandal hat uns da aufgerüttelt und sensibel gemacht für eine ordentliche, stringente Personalverwaltung und Personalführung.“ Hier könne Kirche einiges von „der Welt“ lernen – „weil wir es den Opfern schuldig sind“.

Bei den Strukturreformen müsse natürlich gefragt werden, ob die Substanz der Glaubenslehre berührt sei – doch das sei in Fragen der Organisation selten der Fall. Das Leben der Kirche sei nicht einfach von oben nach unten organisiert wie eine Pyramide, sondern ein In- und Miteinander. Was soll ein Bischof oder eine Bischofskonferenz entscheiden? Was soll in Rom festgelegt werden? Was können Pfarreien und Ordensgemeinschaften in eigener Verantwortung tun? Das sei eine schwierige Debatte, die aber geführt werden müsse. Dass Marx zum Ergebnis kommt, die Kirche zu lieben trotz aller Unzulänglichkeiten, wundert nicht. Er sieht sie auf dem Weg in die Zukunft: Sie überlebt.

„Kirche überlebt“ von Kardinal Reinhard Marx, 128 Seiten, Verlag Kösel, 12 Euro.

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