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Heinrich Himmler und seine Tochter Gudrun 1938. Mit seiner Geliebten hatte der „Reichsführer SS“ noch zwei weitere Kinder.

Briefwechsel mit Frau Marga

Neues Buch: NS-Massenmörder als Privatmann

München - Er gehört zu den schlimmsten NS-Verbrechern. In einem neuen Buch können Leser nun private Briefe des Massenmörders Heinrich Himmler an seine Frau Marga einsehen.

Spätestens seit seiner berüchtigten Rede in Posen im Oktober 1943 zählte Heinrich Himmler zweifellos zu den schlimmsten NS-Verbrechern. Damals schwor der „Reichsführer SS“ seine Mitarbeiter darauf ein, die Judenvernichtung energischer und ohne Skrupel voranzutreiben. Heute noch packt einen das Grauen, wenn man Himmlers gemütlich-münchnerisch gefärbte Stimme hört, die mit unverhohlenem Fanatismus die abscheulichsten Möglichkeiten der Shoah beschreibt.

Daheim klang Himmlers Ton anders, wie der ausführliche Briefwechsel mit seiner Frau Marga belegt. Es erinnert ein wenig an Paul Celans berühmtes Gedicht "Todesfuge".

Bei Celan ist der Tod „ein Meister aus Deutschland“, „der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarethe“. Himmler schrieb weniger einfallsreich meistens nur „Mein liebes Bengele!“ oder „Liebe, gute, kleine Frau!“. Anschließend folgten banale Beschreibungen der Bürokratie und des Alltags sowie immer wiederkehrendes Gejammer über die „viele und schwere Arbeit“. In diesem Ton sind fast alle Briefe Himmlers gehalten. Vom Kriegsgrauen oder gar den Konzentrationslagern findet sich nichts. Allein Marga wurde von der „kleinen Frau“ bald nach Geburt der gemeinsamen Tochter Gudrun in den Briefen „zur lieben guten Mami“ ernannt. Fortan unterschrieb Himmler gerne mit „Pappi“: „Meine liebe gute Mami, ich danke Dir nochmals für deine lieben guten Briefe zu meinem Geburtstag. ... Ich danke Dir noch so herzlich für das Trinkglas. Das hast du lieb ausgesucht. Ich trinke jeden Tag daraus und freue mich liebevoll und dankbar darüber.“

Auch als er eine Geliebte und mit ihr zwei weitere Kinder hatte, änderte sich im Duktus der Korrespondenz mit Marga kaum etwas. Schier unerträglich sind diese Dokumente in ihrem banalen, oft betont kindlich-naiven Ton. Keine Anspielungen auf politische Ereignisse, betont wage bleiben alle Dinge, mit denen „Pappi“ sich die Zeit vertreibt. Die „liebe, gute Mami“ wusste sehr genau Bescheid über das, was ihr Ehemann im Osten zu tun hatte, egal ob in Auschwitz oder Lublin. Ihrem Tagebuch, aus dem ebenfalls zitiert wird, gesteht sie stolz: „Wie herrlich, dass er zu so großen Aufgaben berufen ist und sie meistern kann. Auf ihn blickt ganz Deutschland.“

Katrin Himmler, Politologin und Großnichte Heinrichs, hat mit Historiker Michael Wildt die Briefe veröffentlicht. Um das Ganze lesenswert und erträglich zu machen, versahen sie die Dokumente mit differenzierenden, sorgfältig recherchierten Anmerkungen. Diese Erläuterungen ordnen ein, schaffen gedankliche Verbindungen, zeigen politische Zusammenhänge auf. Das vermittelt einen guten Überblick über die Geschichte des Judenmords. Und einen Blick auf die Biografie dieses ganz und gar gewöhnlichen Mannes, der zum mörderischsten Pedanten Deutschlands wurde. „Himmler privat“ verstört nachhaltig und veranschaulicht zugleich, wie Recht Hannah Arendt 1963 mit ihrer Analyse der „Banalität des Bösen“ hatte.

Katrin Himmler/ Michael Wildt:„Himmler privat. Briefe eines Massenmörders“. Piper, 400 Seiten; 24,99 Euro.

Ulrike Frick

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