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Birgit Minichmayr als Buhlschaft und Nicholas Ofczarek als Jedermann vor der Tischgesellschaft.

Neues „Jedermann“-Erlebnis: Nicholas Ofczarek brilliert in der Titelrolle

Salzburg - Sind sie nun ein Traumpaar, der neue Jedermann der Salzburger Festspiele und die neue Buhlschaft: Nicholas Ofczarek und Birgit Minichmayr?

 Bei der Wiederaufnahmepremiere Sonntagnacht überzeugte das Duo, begeisterte aber nicht. Da spielt sich sicher nach der Verkrampfung der „ersten Nacht“ noch einiges ein. Ein Traumpaar steht jedenfalls fest. Das heißt Ofczarek und seine Regisseur Christian Stückl. Sie haben auf hinreißende Art den „Jedermann“, den der Münchner Volkstheaterintendant und Spielleiter der Oberammergauer seit 2002 (bisher mit Peter Simonischek) gestaltet.

Die Besetzung

Regie: Christian Stückl.

Ausstattung: Marlene Poley.

Musik: Markus Zwink.

Darsteller: Martin Reinke (Gott der Herr, Armer Nachbar), Ben Becker (Tod), Nicholas Ofczarek (Jedermann), Elisabeth Rath (Jedermanns Mutter), Peter Jordan (Teufel, Guter Gesell), Birgit Minichmayr (Buhlschaft), Robin Sondermann (Ein Schuldknecht), Britta Bayer (DesSchuldknechts Weib), Felix Vörtler (Dicker Vetter), Thomas Limpinsel (Dünner Vetter), Sascha Oskar Weis (Mammon), Angelika Richter (Gute Werke), Robert Reinagl (Der Koch), David Supper (Knecht), Riederinger Kinder (Die Spielansager).

Orchester: Ars Antiqua Austria,

Leitung: Gunar Letzbor.

Es wurde bei Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, das vor 90 Jahren die Festspiele in Salzburg eröffnete und das es seitdem jedes Jahr wieder tut, das Profil deutlich geschärft. Einerseits ist nun dieser Jedermann – immerhin 25 jünger als sein Vorgänger – am Anfang ein harter Hund: Ofczarek zeichnet ihn unsympathisch, unberechenbar, mit Hang zur offenen Gewalt, zynisch, mitleidlos. Das ist kein jovialer, bloß eben haltloser Bonvivant wie zuvor. Der Typ ist berechtigterweise Höllen-Futter. Andererseits arbeitet Stückl die Macht des Glaubens enorm heraus. Nur dem Glauben ist es möglich, sogar so einen elenden Kerl aus den Fängen des Teufels zu retten. Hat der Regisseur auch die allegorische Figur des Glaubens aus seiner Inszenierung gestrichen, steht sie dennoch in Gestalt einer riesigen Statue im Zentrum auf der Bühne vor der Domfassade, die im verdämmernden Abendlicht mild aufleuchtete, bis die Dunkelheit vor dem Mönchsberg herniedersank. Und sie wandelt sich während der Aufführung immer stärker vom stumm-steinernen Postulat zur lebendigen Überzeugung.

Am Anfang, als Jedermann wie ein versoffener Spätaufsteher hinter der Bühnenfahne der Riederinger Kinder hervortaumelt, versucht er kurz, diese Statue zu erklimmen: Nicht mal auf den Sockel schafft er es! Wie jedes Jahr begann Stückl seinen „Jedermann“ mit den Buben und Madln aus dem Chiemgau, ihrer kernigen Blasmusik, dirigiert von einem ganz kleinen Zwackerl, und ihrem Kinder-Spiel vom reichen Kerl, seiner Liebsten, Tod und Teufel. Wenn sie von den Seiten und durch die Zuschauerreihen auf die Bühne stürmen, ist dieses Drama herzerfrischend fröhlich eingeführt als uralter Stoff aus dem Volkswissen. So wollte es Hofmannsthal (1874 bis 1929), so macht es der Regisseur. Ofczarek fügt sich hier mit seltener Natürlichkeit ein und zeigt zugleich höchste schauspielerische Kunst. Die steigert sich im Verlauf des Abends, wenn er zeigt, wie dieser Reiche peu à peu alles verliert, immer wieder aufbegehrt, immer wieder niedergeworfen wird – und schließlich weiß, dass er doch das Wichtigste gewonnen hat. So eindringlich, so psychologisch zum Zerreißen spannend hat man das noch nicht gesehen.

Ofczarek kann sich dabei auf einen Guten Gesell/ Teufel von Peter Jordan stützen, der um Klassen besser geworden ist als im vergangenen Jahr. Zunächst ist er der fiese Dandy, aus dem er das Diabolische aufglimmen lässt. Später ein ekelhafter, oft lächerlicher Höllen-Jurist im Outfit eines Monsters aus der Lagune. Nicht so viel Glück hat das Traumpaar Ofczarek/ Stückl mit Martin Reinke als Gott der Herr. Stückl hat diesen zu einer großen Rolle ausgebaut. Der Schauspieler kann aber weder deutlich noch überzeugend sprechen und bleibt obendrein blass. Da ist Elisabeth Rath als Jedermanns fesche Mama schon ein anderes Kaliber. Sie ist eine temperamentvolle Mahnerin wie auch Angelika Richter als Gute Werke. Diese Allegorie steht als einziges Wesen Jedermann bei, wenn er vor seinem Schöpfer Rechenschaft ablegen muss. Dieses Mal ist es kein sieches Bettelweib, sondern ein zartes, armes Landmadl, schließlich hat Jedermann nicht gerade viele gute Werke angesammelt. Rührend, wie die beiden Schwachen zusammenfinden, wie sie seine letzte große Liebe wird. Die ist vorher die Buhlschaft, die Minichmayr in feuerrotem Kleid erotisch, aber nicht supersexy gibt. Sie, auch noch ein bissl steif, schildert eine Frau, die weiß, was sie will – und das ist, auf keinen Fall mit einem Mann in den Tod zu gehen. Das will auch der Mammon von Sascha Oskar Weis nicht, schauspielerisch fast ein Totalausfall.

Nicholas Ofczareks Spiel lässt all die Schwächen im Ensemble – auch Ben Beckers Tod – vergessen. Als Zuschauer will man eigentlich nur ihm ständig zuschauen. Und noch nie hat Christian Stückl einen derart spannenden Schluss hinbekommen: Gerade hat der Teufel Jedermann gepackt, sitzt rittlings auf ihm, zieht den Zweifler schon in die Höllenspalten, da wird dieser doch gerettet: Der Glaube an die Gnade des Allesverzeihenden ist die Erlösung. Jedermann sinkt tot in Gottes Arme – ein Pietà Bild. Und manche Träne glitzert im Augenwinkel der Zuschauer.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen 28.7., 20.30 Uhr, 1.8., 17.30 Uhr, 4.8., 20.30 Uhr, 10.8., 17.30 Uhr. Tel. 0043/ 662/ 80 45 500.

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