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Der Cartoon ist entnommen aus: „Loriot Katalog“ von 1993/2003 des Diogenes Verlags.

Neues Loriot-Buch: „Die Menschen sind so komisch“

München - Vicco von Bülow hat all seine Bücher beim Schweizer Diogenes Verlag herausgegeben. Zu seinem 88. Geburtstag im November sollte das Buch „Bitte sagen Sie jetzt nichts...“ mit Gesprächen erscheinen. Nun, nach dem Tod des Künstlers, hat der Verlag die Veröffentlichung vorgezogen.

Gut, übertrieben originell klingt es zunächst einmal nicht: 17 Interviews mit Loriot noch einmal in einem Band – „Bitte sagen Sie jetzt nichts...“ – zu versammeln. Und dennoch ist dieser Streifzug durch Loriots Antworten auf mal mehr, mal weniger geistreiche Fragen erhellender als vieles, was nach seinem Ableben so über ihn geschrieben wurde. Loriot selbst bringt es eben immer noch am besten auf den Punkt.

Bei Film und Fernsehen etwa findet Loriot „Lampenfieber eigentlich nicht angebracht“. Man könne ja die Aufnahme wiederholen. Und „Humorist“, so stellt von Bülow berückend einfach klar, „ist ein Beruf wie jeder andere auch“. Komik muss man sich erarbeiten, deswegen ist klar, dass Loriot nichts von spontaner Intuition hält. „Ich glaube nicht an Improvisation.“

Am verblüffendsten ist, wie sehr Loriot jederzeit bei sich war. Die Gespräche entstanden im Zeitraum von vier Jahrzehnten, und der Künstler äußert sich nie widersprüchlich oder schwammig. Der abgeklärte Ton ist 1968 derselbe wie 2008, und dazu gehört eine innere Haltung und Disziplin, die nur wenigen gegeben ist. Es ist im Rückblick faszinierend zu sehen, wie aufrichtig und integer der Mann in jedem Moment war. Und wie professionell. Er ist im Gespräch immer entwaffnend offen, aber er gibt doch nichts preis von sich. Er bezieht jedoch klar Stellung, was ihm, wohl weil er so verbindlich formuliert, nie übel genommen wurde. Das Wort Fortschritt etwa assoziiert er mit Langeweile, Trostlosigkeit, Bedrohung. Abgesehen vom schmerzfreien Ziehen eines Zahnes, so Loriot apodiktisch, hätte er in seinem Leben dem Fortschritt nie etwas abgewinnen können.

Loriot - ein Streifzug durch sein Leben

Er ist ein Mann des 19. Jahrhunderts, dazu bekennt er sich, und sofort nach der Geburt des Privatfernsehens diagnostiziert er, dies sei ein „nicht wiedergutzumachender Fehler“. Wer aufmerksam liest, lernt einen nachdenklichen Kulturpessimisten kennen, der sich, sein Werk und den Erfolg sehr genau einzuordnen weiß. Auf die Frage nach internationalen Ambitionen kommt die sanft belehrende Antwort, das sei völlig aussichtslos. Er beziehe seinen Witz aus der Sprache, und Worte wie „Sitzgruppe“ oder „Auslegware“ könne man beim besten Willen nicht übertragen.

Interessant ist, wie sorgsam Loriot darauf bedacht ist, nicht einmal aus Versehen einer politischen Richtung zugeordnet werden zu können. Und wie sehr seine Jugend im „Dritten Reich“ in ihm arbeitete, als er sich als Teenager über die sogenannte „Reichskristallnacht“ empörte und von einem Passanten zusammengepfiffen wurde. Die Hilflosigkeit gegenüber dem großen Weltgeschehen hat ihn geprägt, und dass er als Soldat ein kleines, aber funktionierendes Teilchen dieses Geschehens war, hat ihn erkennbar betrübt. Womöglich war dies der Initiationsfunke zur Freude an der Anarchie, die den Ordnungsfanatiker zum präzisesten Beobachter des bundesrepublikanischen Alltags gemacht hat. Denn der Hang zur Tragik der Deutschen birgt in sich schon den Keim zur Komik, wie Vicco von Bülow weiß: „Beides hat mit Misslingen zu tun.“

Ein lesenswertes Buch, in dem man nachvollziehen kann, wie Loriots Wesen war und wie enigmatisch er letztlich trotz aller Ehrlichkeit geblieben ist. Das Geheimnis seines Humors lüftet Loriot hier übrigens ebenfalls. Auf die Frage, wie es ihm gelänge, dem menschlichen Dasein immer eine lustige Seite abzugewinnen, antwortet er wunderbar schlicht: „Die Menschen sind so komisch.“

Zoran Gojic

Loriot: „Bitte sagen Sie jetzt nichts... Gespräche“. Diogenes, Zürich, 240 Seiten; 21,90 Euro.

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