Neugier auf den dritten Akt

München - Einen Namen gemacht hat sich Markus Stenz (43) vor allem durch seinen Einsatz für die Moderne. Mittlerweile jedoch fühlt sich der Kölner Generalmusikdirektor in mehr als nur einer Epoche zuhause und demonstriert dies immer wieder mit unkonventionellen Programmen. Ab heute steht Markus Stenz für drei Abende am Pult der Münchner Philharmoniker, mit denen er Werke von Joseph Haydn und Thomas Adès erarbeitet hat.

-In Köln sind Sie sowohl Chefdirigent des Gürzenich-Orchesters als auch Opern-GMD. Eine ideale Situation?

Absolut, ich empfinde die Aufgaben an der Oper als eine ganz entscheidende, frische Komponente. Gerade dieses Atmen mit den Sängern. Wenn man das in seine sinfonische Arbeit mitnehmen kann, profitiert davon definitiv auch der Orchesterklang.

-Eine Art Markenzeichen von Ihnen ist dort der sogenannte "3.Akt", ein Programmpunkt, der bis zuletzt geheim bleibt.

Ich halte Neugierde für einen Grundinstinkt des Menschen, und der schreit immer wieder danach, bedient zu werden. Der "3. Akt" kann deshalb Alte Musik sein, Neue Musik oder auch die Gegenüberstellung von zwei Stücken. Aber immer ein substanzieller Programmteil und keine einfache Zugabe.

-Bei vielen gelten Sie noch immer als der Mann für die Moderne. Stört Sie so ein Etikett?

Ich denke da eigentlich nicht drüber nach. Mein Selbstverständnis als GMD der Stadt Köln ist, dass wir dort den ganzen Kanon der Musikgeschichte abbilden wollen. Und da gehört für mich die Matthäuspassion am Karfreitag ebenso dazu wie die Mozart-Opern oder das große sinfonische Programm der Romantik. Aber natürlich habe ich auch eine Leidenschaft für die Musik, die heute geschrieben wird, und wünsche mir, dass sie ähnlich intensiv musiziert wird wie die Stücke aus vergangenen Zeiten.

-Ist es als Interpret einfacher, wenn man den Komponisten als Ansprechpartner hat oder doch eher eine Einschränkung?

Was mir der Kontakt mit Komponisten wie Hans Werner Henze immer wieder gezeigt hat, ist, dass bei aller Genauigkeit der Bezeichnung der ursprüngliche Gedanke nur schwer zu fixieren ist. Denn selbst bei bestem Willen lässt sich die perfekte Notation für eine musikalische Idee kaum herstellen. Da gehört immer auch das eigene Empfinden mit dazu. Und das zu wissen, ist für mich sehr befreiend. Der Vorteil der heutigen Musik ist für mich, dass sie unmittelbar verstanden werden kann, weil sie von Menschen geschrieben wird, die unter uns leben. Da müssen wir nicht irgendein Zeitverständnis rekonstruieren oder uns mit der jeweiligen historischen Aufführungspraxis beschäftigen.

-Und wenn Sie jetzt neben Thomas Adès auch Haydn dirigieren?

Zum Glück gibt es ja nicht "die" historische Aufführungspraxis. Es ist frappierend, dass jeder, der sich damit beschäftigt, trotz gleicher Quellen zu ganz individuellen Resultaten kommt. Mir gefällt deshalb die englische Bezeichnung, wo man von einer "historically informed performance" spricht. Man sollte natürlich informiert sein, aber trotzdem immer seiner eigenen Intuition folgen.

-Wie viel Vorwissen sollte das Publikum mitbringen?

Joseph Haydns Musik ist so frisch und lebendig, dass sie selbst mich immer wieder überrascht. Da geht es eben nicht groß ums Theoretisieren. Aber "Asyla" von Thomas Adès ist ebenfalls eine sehr unmittelbare und stark empfundene Komposition, deren Klangwelt starke Emotionen auslösen kann. Es hat mich überrascht, dass die Philharmoniker dieses Werk noch nie gemacht haben. Denn ich denke, es ist nicht nur ein Stück fürs Publikum, sondern vor allem ein Stück für die Musiker. Eines bei dem man all seine Erfahrungen und auch als Einzelner seine ganze Virtuosität einbringen kann.

-Sie wenden sich also nicht nur an ein Spezialistenpublikum?

Nein, da bin ich absolut Pluralist. Unsere Zeit ist doch geprägt durch Vielfalt. Wir alle zappen durch die Fernsehkanäle wie wir grade Lust haben. Und bei den meisten Menschen ist das mit dem Musikgeschmack ganz ähnlich. Ich denke, es gibt kaum jemand, der nie Klassik oder nie Popmusik hört. Was mir Spaß macht, sind einfach Konzerte, die sinnlich sind und Musik unmittelbar erleben lassen.

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