Neun hohe C's auf einmal

- Nicht lange ist es her, da brachte seine Stammfirma Decca frühe Aufnahmen mit italienischen Arien noch einmal auf CD heraus. Der Mann war kaum wiederzuerkennen. Und das in doppelter Hinsicht: auf dem Cover-Foto ein zwar kräftiger, doch nicht aus dem Leim gegangener Jüngling. Und auf der Aufnahme eine Stimme, zum Verlieben schön. Biegsam, elastisch, weitab von der späteren, fast ordinären Siegesgewissheit der hohen C's.

Eine fast keusche Stimme, die weniger überrumpelt, sondern wirklich verführt.

Was aus Luciano Pavarotti, der morgen seinen 70. Geburtstag feiert, geworden ist, weiß man. Drei Zentner Lebendgewicht, die Arme beim Applaus wie zur Umarmung der Fans ausgebreitet, ein weißes Taschentuch kokett zwischen den Fingern: "Big P." ist wie nur wenige andere zum Synonym für Tenor geworden. Vielleicht nicht mit solcher Grandezza gesegnet wie sein Kollegenfreund Placido Domingo, dafür aber mit den verblüffenderen Fertigkeiten. Pavarottis neun hohe C's in der Arie des Tonio aus Donizettis "Regimentstochter" wurden in Mailand, London und New York bejubelt. Dort, wo sich andere mühten, fing der Italiener erst an.

Pavarotti betrat über einen Umweg die Opernbühne. Und das, obwohl der Papa, ein Bäckermeister aus Modena, passionierter Sänger war. Der junge Luciano glaubte jedoch zunächst nicht an seine stimmlichen Fertigkeiten, studierte daher Pädagogik, arbeitete als Volksschullehrer, um dennoch parallel in einem Chor zu singen. Als der Berufsfrust wuchs und die Musik immer mehr lockte, besann sich Pavarotti. 1961 gewann er einen Wettbewerb und debütierte im selben Jahr am Teatro Reggio Emilia in einer seiner späteren Glanzrollen: als Rodolfo und Puccinis "La Bohème".

Dann ging alles sehr schnell: London, Mailand, New York, manchmal auch (unter Carlos Kleiber) München, viele Plattenaufnahmen, meist an der Seite von Sopranistin Joan Sutherland, für die seinerzeit der passende Tenorpartner gesucht wurde. Pavarottis Kunst prädestinierte ihn für die unangenehm gelagerten Partien des Belcanto à` la Donizetti und Bellini. Legendär auch der Herzog aus "Rigoletto", der Gustavo aus dem "Maskenball" (beides Verdi), problematisch blieben die Titelrollen von Mozarts "Idomeneo" oder Verdis "Otello".

Charakteristisch für den Pavarotti-Sound waren ein heller, kaum gedeckter, in späteren Jahren verhärteter Klang, die besondere Brillanz des Tons verbunden mit einem ausgeprägten stimmlichen Kern. All dies befähigte Pavarotti, mühelos Orchester und Chor zu durchdringen, sich dabei aufzuschwingen in Extremhöhen, die zu seinem Markenzeichen wurden.

250 000 Euro Stundenlohn

Pavarottis Kunst war immer vokales, weniger darstellerisches Ereignis. Der täppische Nemorino aus Donizettis "Liebestrank" funktionierte dank seiner Selbstironie, der Rest blieb meist - angesichts der Körperfülle - Stehtheater. Und in den letzten Jahren, angesichts gesundheitlicher Probleme und häufiger Absagen, mussten die Opernhäuser umdenken: Als Pavarotti an der Deutschen Oper Berlin den Cavaradossi in Puccinis "Tosca" gab, wurde minutiös ausgeklügelt, wo welcher Stuhl für den Superstar zu stehen hatte.

1990 markierte für den Italiener einen Karrieresprung. Mit Plá´cido Domingo und José Carreras bildete er anlässlich der Fußball-WM in Rom erstmals "Die drei Tenöre". Und laut "Spiegel"-Recherchen kam Pavarotti bei der Konzertserie auf einen Stundenlohn von umgerechnet 250 000 Euro. Von nun an überschritt er gern und häufig die Grenzen des Klassikmarkts, sang mit Sting, Elton John oder Bon Jovi.

In die Regenbogenpresse schaffte es der Tenor durch seine Scheidung nach fast vier Jahrzehnten Ehe und durch die Vermählung mit der 35 Jahre jüngeren Nicoletta Mantovani, damals schon Mutter der gemeinsamen Tochter Alice. Und als passenden Termin zum Aufhören hatte Pavarotti oft den 12. Oktober 2005 genannt: eben seinen 70. Geburtstag. Doch Ende der Woche ist ein Auftritt in Stuttgart geplant, später noch in Australien und Neuseeland. Der Mann kann offenbar schwer loslassen, wie sich vor einiger Zeit nach einem Konzert in seiner Heimatstadt Modena zeigte: "Jetzt gehe ich nach Hause und weine."

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