Neurosen-Trio

- Als Einzelteilchen stehen sie auf einer gewellten Fläche, diese fünf Nach-Menschen. Von der Bühne bis weit ins Parkett ragt ihr Stolperpodest (Jens Kilian), von dem aus sie selig lächelnd und bisweilen tänzelnd mit dem Publikum kokettieren. Das darf seinerseits auch auf die Bühne und Zuschauer "spielen". Ein hübscher Auftritt für die "Elementarteilchen", zumal die fünf Schauspieler mit filigraner Selbstironie für sich einnehmen und Chris Nietvelt alle sogleich mit einem atemlosen und hinterfotzigen Parforceritt durch die Menschheitsgeschichte mit ihren "metaphysischen Revolutionen" umhaut.

Die Münchner Kammerspiele haben jetzt Johan Simons' Inszenierung für das Schauspielhaus Zürich aus dem Jahr 2004 in den Spielplan übernommen. Michel Houellebecqs Erfolgsroman, den das Bayerische Staatsschauspiel bereits 2002 mit einer Inszenierung aufgriff (Cuvilliéstheater), haben Tom Blokdijk und Koen Tachelet fürs Theater eingerichtet. Weder sie noch Simons' feinsinnige Regie und die ausgefeilten Schauspielkünste insbesondere von Robert Hunger-Bühler (Michel), André Jung (Bruno) und Nietvelt (Janine) können der Gedankenschwäche Houellebecqs aufhelfen; Sylvana Krappatsch (Christiane) und Yvon Jansen (Annabelle) sind ohnehin nur hübsche Staffage. Die Arbeit lohnt nicht für dieses dünne Stöffchen: Wie in all seinen Romanen steuert der französische Autor "angesagte" Themen an, kapituliert aber intellektuell und künstlerisch vor einer anspruchsvollen Diskussion.

Also geht's auch in "Elementarteilchen" nicht um den schönen neuen Gen-Menschen und die philosophischen Verwerfungen, die solche Fertig-Ware aufwirft, sondern wieder bloß um den alten Adam. Der Stress mit seiner Mama hat, mit Frauen, seinem Gemächt, sinnlosem Alltag. Der nicht leiden und vorsichtshalber nicht lieben will, weil er sonst wieder leidet. Und deswegen möglichst allen ausweicht. Konsequenterweise verschwinden Michel und Bruno nach einem zu kurzen Glück in der Natur, und Michel tilgt gleich die ganze Menschheit mit ihren Grundmakeln Fortpflanzung und Tod.

Simons tappt nicht in die Falle, Szenen nachspielen zu lassen. Die Figuren referieren die exemplarischen Erlebnisse mit Mutter, Bruder, Söhnen et cetera. Das schafft die nötige Distanz. Die schauspielerisch weiter ausgebaut wird. Jung und Hunger-Bühler erweisen sich als wahre Komödianten. Der erste ein einziger Verlegenheitsmensch, was neon-grell zu der physiologisch detailfreudigen Sexualterminologie kontrastiert. Das bringt genauso Lacher wie der Stoizismus des zweiten, der mit wüstenstaubtrockenem Humor operiert. Die beiden Schauspieler sind am besten als versponnenes, skurriles Duo. Körpersprachlich sagen sie mit ihrem scheuen Sich-Umeinanderwinden, das Zärtlichkeit ahnen lässt, mehr über die Bruderbeziehung, als Houellebecq je schreiben könnte.

Zusammen mit Chris Nietvelt, dem hochgeschossenen, dynamischen, aber auch damischen Rabenmuttertier, sind sie ein tolles Neurosen-Trio. Leicht in die Kniee gesackt, verwandeln sich Hunger-Bühler und Jung in Hilfe suchende Buben, die mütterliche Schutzmantelmadonna ist jedoch zu einer lüsternen Lulu mutiert. Die drei sind so witzig, dass der plumpe Psychologismus der Vorlage leichtfüßig wird. Die schönste Szene des knapp zweistündigen Abends, der doch viele Längen hat.

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