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„Uns interessieren die Figuren und ihre psychologischen Verstrickungen“: Szene aus dem „Rheingold“ mit Wolfgang Koch als Alberich.

Nibelungen in München:"Keine Muskelspiele"

München - Regisseur Andreas Kriegenburg will mit den Münchner Nibelungen weg von modischen „Ring“-Vereinfachungen und hin zum sinnlichen Erzählen. Wie, erklärt er im Merkur-Interview:

Alban Bergs „Wozzeck“ in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg bescherte im Jahre 2008 der Bayerischen Staatsoper eine ihrer Vorzeige-Produktionen. Nun darf hier der 48-jährige Schauspielmann den größten denkbaren Regie-Brocken wuchten. Innerhalb von nur wenigen Monaten bringt der gebürtige Magdeburger Wagners „Ring des Nibelungen“ heraus. Premiere des „Rheingolds“ ist an diesem Samstag. Kriegenburg debütierte 1988 als Regisseur in Frankfurt an der Oder und ist Hausregisseur am Deutschen Theater Berlin.

Der „Ring“ ist ein Prestigeprojekt, dementsprechend oft wird er inszeniert. Wie groß ist der Druck, die totale „Ring“-Neuigkeit bieten zu müssen?

Für uns war es eine wichtige Entscheidung, dass man sich von der Rezeptionsgeschichte freimacht. Wir wollen uns auf das Werk konzentrieren und zum Beispiel keine Bezüge zum „Dritten Reich“ herstellen oder in szenische Muskelspiele verfallen. Uns interessieren die Figuren und die Erzählung. Wagner ist nicht nur grandios in seinen Klängen, sondern auch ein extrem spannender, kraftvoller Erzähler.

Also weg vom Überbau, weg vom großen Gedankengebäude, hin zu den „Ring“-Menschen?

Ja. Einfach weg von den Vereinfachungen. Wotan als Großindustrieller. Die Rheintöchter als Nutten. Der „Ring“ am Grünen Hügel. Solche Interpretationsfolien bringen uns die Figuren nur scheinbar nahe. Man kann sie dann zwar einordnen, doch zugleich geht man auf emotionale Distanz. Ich finde das fast radikal, wenn man sich „nur“ auf psychologische Verstrickungen einlässt. Ein „Ring“, der auf der Titanic spielt, ist zwar sofort verstehbar. Aber die ganze Sache wird dadurch vereinfacht – und modisch.

Bleibt Ihnen womöglich nichts anderes übrig? Weil hunderte Inszenierungen alles auserzählt haben?

Ich weiß es nicht. Für uns wurde es jedenfalls wichtig, auf Wagners Regieanweisungen zu kucken. Warum schreibt er „Felsenlandschaft“? Warum schreibt er „Schmiede“ oder „Wald“? Heutzutage haben doch Regisseure dann sofort den Reflex: „Das machen wir natürlich nicht!“ Mich ödet es in der Oper oft maßlos an, wenn auf das Werk einfach eine andere Wirklichkeit aufgepfropft wird. Ich finde es wichtig, die Figuren nicht nur aus einer intellektuellen Perspektive anzuschauen, sondern ein sinnliches Erleben zu ermöglichen.

Wie leicht macht es Wagners Musik dem Regisseur? Gerade in der „Walküre“ sind ja kleinste szenische durch musikalische Gesten vorgegeben...

Es gibt viele Aufführungen, die mit der Musik konkurrieren wollen. Das möchte ich nicht. Wenn man Wagners Vehemenz auch noch szenischen Aufwand entgegensetzt, wird das zum Overkill. Das Theater darf hier nicht die Muskeln spielen lassen.

Wie man hört, wollen Sie den „Ring“ als Rückblende erzählen.

Wir wollen eine Gesellschaft zeigen, die nach der „Götterdämmerung“ entstanden ist. Wir beginnen im „Rheingold“ mit einem Tableau mit sehr vielen Menschen auf der Bühne, die dann gemeinsam diesen „Ring“ erzählen. Wesentliche Teile der Bühne werden von Menschen dargestellt. Der Rhein besteht aus Leibern. Ähnliches bei den Mauern von Walhall, bei Felsen, beim Drachen. Dadurch entsteht ein sehr einfaches, sehr sinnliches, sehr körperliches Erzählen. Alberich wird zum Beispiel zu Beginn des „Rheingolds“ seelisch extrem verletzt, weil er in einem Meer von Leibern nicht mittun darf.

Eigentlich handelt der „Ring“ vom Sieg der Frauen. Wotan setzt auf männliche Helden, doch Lösungen bieten, was er so nicht plante, seine weiblichen Nachkommen. Ist Wagner ein verkappter Feminist?

Er wird da oft unterschätzt. Mit dem „Walkürenritt“ ist ja in der Rezeptionsgeschichte einiges passiert. Gerade durch den Film „Apokalypse Now“ gilt diese Musik als extrem martialisch und männlich. Wagner wollte damit aber die Kraft der Frau feiern. Wagner demontiert die Männer nicht, er zeichnet sie eher kindlich. Alberich reagiert auf die Verweigerung der Rheintöchter trotzig. Auch Wotan hält am Ring fest und handelt wider alle erwachsene, reife Vernunft. Und Siegfried ist ja ohnehin ein großes Kind. Wagners „Ring“-Männer haben auf der einen Seite eine Machtposition inne, sind aber andererseits nicht von Moral gesteuert, sondern von fast unkontrolliertem Begehren: „Ich will das haben – und wehe, ich krieg’ es nicht!“

Welche Rolle spielt München für Ihre Inszenierung?

Inhaltlich keine. Ich fühle mich allerdings in dieser Stadt und in diesem Haus sehr aufgehoben. In keiner anderen Stadt hätte ich den Mut aufgebracht, den „Ring“ zu inszenieren. Ich habe jedoch acht Wochen Bedenkzeit gebraucht, bis ich zugesagt habe. Wagner bin ich früher immer ausgewichen.

Hilft es, den „Ring“ in dieser Konzentration, innerhalb eines halben Jahres zu inszenieren? Oder hätten Sie gern mehr Zeit?

Das weiß ich nicht. Die Konsequenz, mit der man arbeiten muss, macht einem natürlich Angst. Gleichzeitig ist es ein Privileg, sich über längere Zeit „nur“ mit einem Stoff zu beschäftigen und ein Haus vielleicht sogar in dieser Phase zu prägen.

Hauptrollen wie Wotan und Brünnhilde sind in den „Ring“-Teilen unterschiedlich besetzt. Wie kann man da ein kontinuierliches, schlüssiges Charakterporträt zeichnen?

So etwas kann eine Chance bieten, die Figuren entwickeln sich ja teilweise in großen Sprüngen. Der Wotan im „Rheingold“ beginnt im größten Selbststolz, dann erfahren wir, dass er jahrelang rumgehurt hat, später wird er zum komplett neuen Menschen. Für uns war auch wichtig, dass jedes einzelne „Ring“-Werk für sich funktionieren muss.

Wie endet der „Ring“? Gut oder schlecht?

Das Gute ist, dass er notwendigerweise schlecht endet. Das Phänomen im „Rheingold“ ist, dass Gold auf einmal Wertigkeit bekommt – nur, weil jemand sagt, es sei wertvoll. Durch die Entscheidung, sich aus der Unordnung der Natur in eine Ordnung hineinzubegeben, entstehen Systeme, die immer starrer werden. Das zeigt vor allem die „Götterdämmerung“ mit ihrer Metropolis-Gesellschaft. Siegfried gefährdet dieses System. Sowohl er als auch das System müssen also zerstört werden.

Und bleibt das Ihr einziger „Ring“?

Bisher war ich mir dessen sicher. Aber jetzt, während der Arbeit, registriert man ja Möglichkeiten, die man im aktuellen Konzept ausschließt. Und ich bin überrascht, wie viel Spaß es macht, den „Ring“ zu inszenieren. Man kann ihn ja auch mit 70 noch machen, also habe ich Zeit.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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