Tut gar nicht weh

- Musica viva wie in München gibt's dort nicht. Da muss sich die Moderne schon andere Spielplätze suchen als solche Konzertreihen - Biotope für Eingeweihte, Monokulturen, die einladend sein wollen, die aber von allen Seiten umzäunt sind und vor deren Toren der gemeine Abonnent erschauert: na dann lieber Beethoven.

<P>Bei den Berliner Philharmonikern hat der gemeine Abonnent keine Chance. Oder eben alle. Denn Mark-Anthony Turnage (geboren 1960) und Magnus Lindberg (1958) werden einfach ins "normale" Programm genommen. Und weil's so schön ist, gleich ein unbekannter Strawinsky dazwischengeklemmt: das Ballett "Apollon musagète".</P><P>Der Köder heißt Sir Simon Rattle, der sich mit seinem Orchester gern für jene Moderne einsetzt, die neben hochintellektueller Struktur auch anderes bietet: Kulinarik, wie eben die 40-minütige "Aura" des Finnen Magnus Lindberg. Musik mit Köpfchen, auch mit Bauch - und manchmal mit Unterleib. "Aura" (vier Sätze ohne Pause) bannt durch Klangverliebtheit, durch eine heftig bewegte Flächigkeit mit darin eingebauten schroffen Floskeln, durchs Ausreizen instrumentaler Möglichkeiten und eine Harmonik, in der sich Tonarten-Felder wie Schmirgelpapier aneinander reiben. Nachvollziehbar ist das und hochvirtuos, weshalb Rattle, Lindberg und Orchester zu Recht gefeiert wurden.</P><P>Mark-Anthony Turnage ist sein kompositorischer Vetter, obwohl "A Relic of Memory" (Relikt der Erinnerung) melancholisch umflorter ist. Was am vertonten Shakespeare-Sonett liegt ("Wenn ich gestorben bin, trauere länger nicht"), aber auch am Hang des Briten zur Mahler-Melancholie. Der Berliner Rundfunkchor, Auftraggeber dieser Uraufführung, darf herbe, oft homophone Passagen singen, das Orchester konterkariert das mit kurzen bis heftigen Gesten. Kein Widerspruch, kein flüchtender Abonnement ob des Programms. Hat ja auch gar nicht wehgetan.</P>

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