Nicht allein eine Anna-Show

- Es hätte ja auch ein lahmes Intermezzo werden können. Ein Festspielsommer zum Atemschöpfen vor dem Mozart-Spektakel 2006, wenn alle Opern des Namensgebers einer bekannten Schokokugel gestemmt werden. Und gemessen an dieser Befürchtung fällt die Salzburger Musiktheater-Bilanz 2005 gut aus. Gemessen an 2004, als das Festival von Intendant Peter Ruzicka einen künstlerischen Schwächeanfall erlitt, sogar erstaunlich gut.

Natürlich stand die große Anna-Show im Mittelpunkt. Doch wer als Favorit ins Rennen geht, trägt nicht unbedingt den Lorbeer davon. Sicher, die Violetta der Netrebko war ein Ereignis. Aber den Doppelsieg bei Verdis "La traviata" teilten sich Tenor Rolando Villazón, der sich als Alfredo schier verzehrte, und Willy Decker, dem eine uneitle, genaue und hochintensive Regie gelang.

Dass sogar Opernfremde am Premierenabend die TV-Übertragung gern sahen, ist ein Erfolg. Denn anders als bei hochgezüchteten "Events" um Nicht-Sänger wie Andrea Bocelli oder Nicht-Dirigenten wie Justus Frantz (Letzterer war tatsächlich Gast der Festspiele!), ist die Netrebko eine ernst zu nehmende, exzellente Künstlerin. Die Szene zeigte sich also in dieser Produktion, alle Beteiligten bis auf den Dirigenten, von ihrer besten Seite. Und sollte man durch diese "Traviata" neue Klassikfans gewinnen, kann solch Mediengetrommel nur zur Nachahmung empfohlen werden.

Naturgemäß im Schatten standen da die übrigen drei Projekte. Zumal der Auftakt mit Franz Schrekers "Die Gezeichneten" regietechnisch missglückte. Altmeister Nikolaus Lehnhoff lieferte schwüles Stehtheater, Dirigent Kent Nagano bannte daher zwangsläufig die Aufmerksamkeit - zu Recht, wie seine spannende Partitur-Zerlegung zeigte.

Mozart-Problem

Mit zwei Neuinszenierungen bereiteten sich die Salzburger aufs Mozart-Jahr 2006 vor, in dem der 250. Geburtstag des Meisters gefeiert wird. Das Jugendwerk "Mitridate" war ein musikalisches Ereignis dank hervorragender Solisten um den Aufführungsmotor Marc Minkowski am Pult. Jürgen Bäckmann hatte sich eine aparte Bühnenidee für den Residenzhof ausgedacht, die mehr als Günter Krämers schwächelnde Regie gebraucht hätte. Dass ausgerechnet die Oper schlechthin, Mozarts "Zauberflöte", in einer fragwürdigen Neuinszenierung gezeigt wurde, ist eine mittlere Katastrophe. Gegen Riccardo Mutis gepanzertes, blutarmes Hochleistungsdirigat und Graham Vicks dünn raunende Regie konnten da Sänger wie Michael Schade und René Pape nur wenig ausrichten.

Wie überhaupt Salzburg mit einem Mozart-Problem kämpft. Denn für den kompletten Opernreigen im nächsten Jahr müssen diese beiden Produktionen natürlich im Repertoire bleiben, muss auch manches aus dem Fundus gezerrt oder von Gast-Ensembles bestritten werden. Die Gesamtschau der Salzburger Eigenproduktionen ist jedenfalls nicht gerade ermutigend: "Così fan tutte" und "Idomeneo" tiefgefroren (Ursel und Karl-Ernst Herrmann), "Don Giovanni" und "La clemenza di Tito" charmelos bis zynisch (Martin Kusej) - da können die Festspiele eigentlich nur mit Stefan Herheims so provokativer wie hellsichtiger "Entführung aus dem Serail" punkten. Oder hoffentlich nächstes Jahr mit "Le nozze di Figaro", die sich Claus Guth und Nikolaus Harnoncourt im renovierten Kleinen Festspielhaus vornehmen.

Dass ein Großteil des Salzburger Musikprogramms von den Wiener Philharmonikern bestritten wird, ist hier so Sitte. Aber auch ein Problem. Denn die Edel-Musiker, denen die Sommerpause nach Wiener Repertoire-Diensten vergoldet wird, lassen sich nicht bei jedem Einsatz aus der Reserve locken. Häufige Termine, ein knapper Probenplan, oft wechselnde Besetzungen, das alles verhindert First-Class-Auftritte. Stehen allerdings künstlerische Schwergewichte wie Nikolaus Harnoncourt am Pult (bei Bruckners Fünfter), ereignet sich Einzigartiges. Positiv fiel in diesem Zusammenhang die programmatische Ausrichtung der Konzerte auf, die eigene Themen und Akzente setzten, manchmal auch den Opernreigen ergänzten.

Von einem Salzburg, an dem man sich reibt, das Diskussionen entzündet und Entwicklungen anbahnt, Reibungsverluste eingeschlossen, von einer solchen schillernden Dramaturgie sind Peter Ruzickas Nummer-sicher-Festspiele allerdings weit entfernt. Jürgen Flimm, Nachfolger ab 2007, meinte schon über das Mozart-Projekt, es sei nur eine Idee, kein Programm. Da hat er Recht. Aber bald wird man ihn an solchen Lästereien zu messen haben.

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