Nur nicht so eine Betroffenheits-Chose

- "Genau das war für mich der Grund, mich da reinzubeißen. So ein Stück hat es lange nicht gegeben." Das sagt Florian Boesch (32), der Jüngste unter den Regisseuren an Dieter Dorns Bayerischem Staatsschauspiel. Die Rede ist von dem neuen Theatertext von Roland Schimmelpfennig, "Für eine bessere Welt". Ursprünglich gar nicht vorgesehen für diese Saison, griff Boesch dennoch sofort zu, nachdem er die Szenen im sommerlichen Hofgarten ("mein Büro") gelesen hatte.

<P> Am Donnerstag hat das Stück, das kein Stück im klassischen Sinn ist, Premiere im Theater im Haus der Kunst - in der Ausstattung von Stefan Hageneier, u. a. mit Eva Gosciejewicz und Michael von Au. Es geht um Krieg, um Soldaten und Soldatinnen, um Marsch- und Liebesbefehle, um Tod und außerirdische Spione. Das alles in einer modernen, aber unbestimmten Welt.<BR><BR>Auf der Bühne hat Florian Boesch durchaus mit dem Krieg schon seine Erfahrung gemacht, als er, ebenfalls fürs Haus der Kunst, Heiner Müllers "Philoktet" klar, schön, und konkret in formaler Strenge inszeniert hat. Nun die offene Form.<BR><BR>Boesch: "Die entscheidende Frage ist, welchen Krieg meint Schimmelpfennig eigentlich? Vietnam? Wir, das heißt meine Generation und also auch der Autor, kennen den Vietnam-Krieg doch nur aus ,Apocalypse now. Nein, in dem Stück wird ein imaginärer Krieg irgendwo in Afrika beschrieben. Denn was können wir Jungen uns unter Krieg vorstellen? Was wir von ihm sehen - das ist alles nichts Authentisches, nichts Wahres. </P><P>So nah uns die Medien den Krieg auch bringen, er ist uns doch extrem fern. Und so ist dieser Text aus dem Blickwinkel unserer generation geschrieben."<BR><BR>"Wenn einem das Debüt gelingt, ist man nicht automatisch Regisseur."<BR>Florian Boesch</P><P><BR>Aber doch ein richtiges Antikriegsstück a là` Peter Weiss? Boesch: "Ich finde, es ist immer problematisch und auch peinlich, das Publikum mit der eigenen Antikriegsgesinnung zu konfrontieren. Gegen den Krieg ist doch jeder. Ich kenne niemanden, der dafür wäre." Demnach ist jedes Gutgemeinte oder jede Betroffenheits-Chose szenisch zu vermeiden. Schimmelpfennig hat dem Thema eine dramaturgisch offene Form gegeben; keine Rolleneinteilung, keine Szenenbeschreibung, nur vereinzelt Dialoge, meist berichtartige Statements. Was ist da für den Regisseur zu tun?<BR><BR>"Es erfordert einen ganz anderen, einen extrem theatralischen Zugriff", sagt Florian Boesch. Die Form des Stücks kann er in seiner Inszenierung selbst bestimmen. Liest man den Schimmelpfennig-Text genau, sieht hier alles nach Revue aus. Für einen jungen Regisseur ist das ideal: zwischen Schillers "Kabale und Liebe", seiner letzten, sehr gelungenen Inszenierung im Residenztheater, und Ödön von Horváths "Der jüngste Tag", der im Januar Premiere haben wird, etwas Zeitgenössisches.<BR><BR>Florian Boesch, der gebürtige Vorarlberger und gelernte Typograph, darf heute zu den erfolgreichen Jungregisseuren in Deutschland gezählt werden. Und dennoch ist er - bis jetzt - nur in München tätig gewesen. Er weiß: Ein gelungenes Debüt - in seinem Fall war es die "Parasiten"-Premiere vor drei Jahren im Werkraum - macht einen nicht automatisch zum Regisseur. Das habe ihm Dieter Dorn, sein Mentor, immer gesagt. Boesch: " Und ich habe es auch selbst gemerkt. Gott sei Dank befinde ich mich in der komfortablen Situation, Angebote absagen zu können, um mich ganz bewusst darauf zu konzentrieren, kontinuierlich an einem Haus, mit einem Ensemble zu arbeiten. Vielleicht aber unternehme ich ja im nächsten Jahr den einen oder anderen Regie-Abstecher."<BR></P>

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