Nicht die Geister zitieren

- Georg Baselitz ist einer der großen deutschen Maler, ist längst ein Klassiker geworden. Die Münchner Pinakothek der Moderne präsentiert in ihrer Dauerausstellung einen informativen Querschnitt durch sein Œuvre. Ab kommenden Freitag wird dort außerdem eine groß angelegte Sonderschau zu sehen sein: "Remix - Dialog der Bilder", Gemälde und Arbeiten auf Papier. Baselitz (1938 in Deutschbaselitz als Georg Kern geboren) setzte sich in seinen jüngsten Arbeiten mit eigenen, berühmt gewordenen Werken aus den 60er- bis 80er-Jahren auseinander.

Baselitz heute trifft Baselitz von einst.

Georg Baselitz: Den Baselitz von vorgestern!

Wie haben Sie sich mit ihm vertragen?

Baselitz: Ich bin mit mir immer gut zurecht gekommen. Aber wenn's über mich hinausgegangen ist, wenn Dritte im Spiel waren, wusste ich nicht mehr, ob ich richtig oder falsch liege. Bei mir geht es nur um Bilder. Ich male über 40 Jahre, habe immer neue Modelle gesucht, andere Konzepte. Ich habe so viel verändert in meiner Arbeit wie kaum ein anderer. Da kann ich nicht alles Schluss-aus-null-bremsen. Deswegen habe ich gedacht, ich mache alles querdurch noch einmal - als Remix. Das ist keine Kopie. Sondern ich nehme innerhalb eines Konzepts dasselbe Bildmodell erneut her. Und dann sehe ich, ob ich's besser mache, schlechter mache, prüfe, ob's funktioniert. Schließlich zählt nur, dass es ein gutes Bild werden muss - unabhängig davon, ob das Vorbild gut ist.

Was ist ein gutes Bild?

Baselitz: Das kann man eigentlich nicht beantworten. Ich muss in mich Vertrauen haben. Zum Beispiel hat sich "Die große Nacht im Eimer" (1962/ 63) als gutes Bild erwiesen. Es hat sich im internationalen Vergleich hervorgetan und auch in Deutschland. Das muss ich so nehmen. Und das beflügelt nicht unbedingt, sondern schüchtert mich ein: Wenn die Besucher hier in den Saal mit meinen früheren Bildern gehen und sagen: Das ist doch noch was ganz anderes! Was ich abliefere, ist, was ich kann und will. Man kann schon lange nicht mehr mit der Staffelei vor der Landschaft oder einem Modell malen. Als Maler schweben sie in einem experimentellen Zustand. Es gibt eigentliche keine seriöse Verantwortung mehr - Halt geben mir nur meine Arbeiten.

Viele Künstler haben eigene Motive umkreist, variiert - oft auch, weil Käufer ein bestimmtes Thema unbedingt haben wollten. Wo lag bei Ihnen das Interesse?

Baselitz: Ich habe versucht, Unterstützung zu finden: bei Dix, Munch oder Warhol. Munch hat seine Highlights über 20 Mal produziert. Oder Warhols Varianten. Aber das sind andere Verfahren. Bei mir ist es so: Remix berechtigt mich, mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Ob man damit was kaputt macht, ist die andere Frage. Es besteht ein Risiko! Aber ich habe den Eindruck, dass es eine großartige Chance ist, aus mir selbst heraus etwas zu machen und nicht Geister zu zitieren.

Sie sind Maler mit Leib und Seele.

Baselitz: Aber auch Zweifler.

Daraus sind die manchmal missverstandenen Gemälde hervorgegangen, die das Dargestellte "verkehrt" herum, auf dem Kopf stehend zeigen, und nun das Remix-Konzept.

Baselitz: Was daran besonders interessant ist, sie dürfen, was sie sonst nicht tun dürfen: klauen. Aber ich darf ein Foto von meinem eigenen Gemälde in die linke Hand nehmen und es mit der rechten noch einmal malen. Ich darf die Erinnerung benutzen: Was ging damals, was nicht? Oder das Bild hatte einen bestimmten Anlass; dann kann ich den Anlass wieder benutzen - oder vergessen. Zur "Trümmerfrau" regte mich ein Foto aus dem "Stern" an. Das Foto hab' ich noch und male nun danach anders als einst: Das Bildmodell hat sich verschoben.

Sie sind der Malerei treu geblieben auch in Zeiten, in denen sie hinter Installationen, Video- oder Fotokunst zurücktreten musste. Was bedeutet Ihnen dieses spezielle Medium?

Baselitz: Ich glaube daran, dass man mit Pinsel und Leinwand ein Bildmodell darstellen kann. Ich bin groß geworden mit dem Gegenteil, da wurde Malerei abgelehnt. Heute sieht man, es geht doch. Ich habe Bildmodelle in die Welt gesetzt, die kraus waren, nicht einvernehmlich. Ich habe dafür viel Kritik eingesteckt, aber auch hohe Preise erzielt und Bewunderung bekommen. Ich bin kein Außenseiter; ich bin Zeitzeuge und engagiert für unsere Zeit.

Gemälde sind wieder begehrt, werden auf dem Kunstmarkt hochgejubelt. Wie schätzen Sie den Nachwuchs ein?

Baselitz: Den Kunstmarkt darf man nicht negativ sehen. Jeder freut sich, wenn für einen Klimt zig Millionen zu bezahlen sind, aber wenn es um junge Kunst geht, wird man neidisch. Ich bin glücklich, dass nach der totgesagten Malerei eine neue entstanden ist. Durch den Markt ist die Kunst unabhängig. Sonst wird in unserer Gesellschaft Kunst subventioniert. Darin unterscheidet sich die zeitgenössische bildende Kunst enorm von den anderen Künsten. Wir brauchen Rembrandt nicht aufzubügeln, wie es das Theater oder die Musik mit ihren alten Sachen tut.

Auffallend an den neuen Bildern ist, dass sie freier wirken.

Baselitz: Ich habe damals jämmerlich gekämpft, hatte Probleme, damit fertig zu werden. Dadurch entstehen dicke Bilder - wie von einem Maurer gespachtelt. Das war für mich unleidlich. Jetzt kann ich sie in großer Schnelligkeit vollenden, denn das Bildmodell steht schon fest. Nun muss ich nichts mehr übermalen.

Ein anderes sehr deutlich gesetztes Signal: Hitler beziehungsweise Hakenkreuze.

Baselitz: Ich war sieben, als der Krieg zu Ende ging. Ich habe noch ein Foto von mir: Eingerüstet mit Stiefelchen, Hakenkreuzfähnchen und Ähnlichem ging ich zum Kinderfest. Flucht und Zerstörung waren ganz, ganz prägend. Zwischen meiner Frau und mir ist der Zweite Weltkrieg ein tägliches Thema. Das Plakative ist wichtig. Auch das Verspotten und die Karikatur.

Selbst der eigenen Arbeit?

Baselitz: Man lacht doch über sich. Außerdem: Alle Charakterschattierungen, zu denen man in der Lage ist, sollte man einsetzen.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

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