Nur nicht die innere Energie verlieren - Star-Dirigent Mariss Jansons zum Fünfundsechzigten

München - "Nur nicht im Voraus gratulieren, ich bin ein sehr abergläubischer Mensch!" An diesem Montag, 14. Januar, wird Mariss Jansons, Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, 65 Jahre alt.

Zu Hause ist der gebürtige Lette im schönen St. Petersburg. Milde Temperaturen um null Grad: An den letzten Tagen seines Weihnachtsurlaubs zeigt sich die Kapitale an der Newa in beinahe frühlingshafter Pracht. Für den Maestro Anlass, über München, das Alter und die Oper nachzudenken.

Der 65. Geburtstag: Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Oh, mein Gott, was fällt mir ein, wenn ich so schnell antworten muss? Ich glaube, zuerst Gesundheit, an zweiter Stelle künstlerische Erfüllung. Und dann vielleicht der Wunsch, mehr Oper zu dirigieren. Aber das ist eine Frage der Zeit.

Und was ist mit dem neuen Konzertsaal im Münchner Marstall?

Der fällt unter "künstlerische Erfüllung". Natürlich, der Konzertsaal, das ist, auf München bezogen, die Frage Nummer eins.

Welche Chancen hat er denn noch, nachdem sein heftiger Befürworter Kurt Faltlhauser nicht mehr Finanzminister ist?

Kurt Faltlhauser ist ein fantastischer Mensch. Ich bin sicher, er bleibt bei dieser Initiative. Und ich möchte hoffen, dass er von den anderen Politikern darin unterstützt wird. Dass sie sich genauso enthusiastisch für die Kunst einsetzen werden wie er und die Notwendigkeit eines neuen, eines guten Konzertsaals erkennen.

Kennen Sie Erwin Huber, den Nachfolger Faltlhausers im Amt des Finanzministers?

Ich kenne Erwin Huber nicht. Aber ich kenne Günther Beckstein. Ich hatte ein schönes Gespräch mit dem Ministerpräsidenten. Und ich habe ein sehr positives Gefühl. Natürlich muss ich sagen, dass es prinzipiell für Politiker sehr schwierig ist. Sie stehen vor so vielen Aufgaben, haben ganz andere Prioritäten. Dennoch möchte ich darauf vertrauen, dass Deutschland von seiner historischen Tradition und von der Mentalität der Menschen her nach wie vor ein Land ist des Intellekts und der Kultur. Das gilt, denke ich, auch für Politiker: dass sie nämlich verstehen, wie notwendig Kunst ist. Bayerische Politiker verstehen etwas von Kunst und Kultur, diesen Eindruck hatte ich von Herrn Beckstein.

Falls man Ihnen zum 65. Geburtstag ein Ständchen bringen würde ­ welches Musikstück würden Sie da am liebsten hören?

Ich glaube, in dieser Periode meines Lebens ist Beethoven mein erster Favorit. Vielleicht die dritte Symphonie.

Wie werden Sie am Montag Ihren Geburtstag feiern?

Ich habe Probe mit dem Concertgebouw Orchestra. Am Sonntag fliege ich nach Amsterdam. Also ein ganz normaler Arbeitstag.

Beeinflusst das Alter ­ also die 65 ­ die Interpretation von Musik?

Ich glaube, wenn man Perioden hat, in denen man jeweils einen Komponisten besonders liebt, hat das mit dem Alter nichts zu tun. Aber ich spüre doch, dass ich mit den Jahren mehr in die Tiefe eines Werkes gehe. Manchmal frage ich mich: Wie habe ich das wohl vor 30 oder 40 Jahren gemacht? Ich habe nämlich sehr früh angefangen mit dem Dirigieren. Schon mit 14 in der Schule. Wenn ich heute die Reaktionen der jungen Leute auf Musik sehe, dann scheint es mir: Sie sind ein bisschen so, wie ich es früher war. Das ist ja das Positive an uns Dirigenten: Je älter einer wird, umso besser wird er. Man darf nur nicht die innere Energie verlieren.

Können Sie ein Beispiel nennen von einem Werk, das Sie vor 40 Jahren so interpretiert haben und es heute ganz anders musikalisch umsetzen?

Das ist schwer. Aber nehmen wir Schostakowitsch. Vielleicht hatte ich vor 40 Jahren noch nicht verstanden, was er gelitten hat. Obwohl ich in dem gleichen diktatorischen System aufgewachsen bin. Aber die Jugend wird mit politischen Schwierigkeiten anders fertig. Also damals habe ich die tragischen Momente Schostakowitschs nicht so tief gefühlt wie heute. Noch deutlicher kann ich den Unterschied bei Richard Strauss benennen. Ich liebe diesen Komponisten. Als ich junger Dirigent war, hat er mir sehr imponiert, vor allem vom kompositorischen Aufbau, von der Instrumentation her. Mit den Jahren habe ich die anderen, die seelischen Seiten in seinem Werk entdeckt. Und sie berühren mich von Mal zu Mal mehr. Ich kriege Tränen in die Augen. Bei jedem Werk. Nicht diese große Virtuosität fasziniert mich heute, sondern die sehr berührenden intimen Momente. Ich bin in meiner Seele getroffen ­ am Ende von "Zarathustra" zum Beispiel oder von der fünften Variation seines "Don Quixote".

Sie haben eingangs selbst das Stichwort gegeben: die Oper.

Ja, im nächsten Jahr mache ich in Amsterdam "Carmen".

Und in München? Könnten Sie sich das auch in München vorstellen? Gab es Anfragen aus der Bayerischen Staatsoper?

Es gab intensive Gespräche mit der Staatsoper. Aber ich habe mit zwei Orchestern und einer so heftigen Reisetätigkeit eigentlich keine Zeit für die Oper. Trotzdem möchte ich mir diesen Traum erfüllen. Denn ich liebe die Oper, ich bin im Opernhaus sozusagen aufgewachsen. Sie ist meine große Leidenschaft. Aber man muss für eine Oper zweieinhalb Monate rechnen ­ Vorbereitung, Proben Aufführungen ­, und die Zeit habe ich einfach nicht. Ich will nicht ein Jahr lang 24 Stunden am Tag arbeiten. Dem Menschen sind Grenzen gesetzt in seiner frischen Emotionalität. Wenn er die überschreitet, wird die Kunst zur Routine.

Spüren Sie als Dirigent, was für ein Publikum hinter Ihrem Rücken sitzt?

O ja, sofort, beim ersten Applaus, wenn ich rauskomme. Und psychologisch gesehen, beeinflusst das Publikum das Konzert. Wir als Musiker versuchen natürlich, diese Strömungen zu regulieren. Denn mein Credo ist: Egal, wo wir spielen und vor wem ­ wir müssen immer Hochklassiges geben.

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