Nicht mehr festgenagelt

Günther Uecker: - Jahrzehntelang wurde Günther Uecker wortwörtlich festgenagelt: Das ist doch der, der die Nagelbilder macht. Das ist zwar richtig, aber das ist wirklich nicht alles. Da gibt es den Uecker, der politisch aktiv war, den Uecker, der berühmte Bühnenbilder entwarf. Den Uecker, der die Welt bereiste, um seiner Maxime vom Künstler als Erfinder von Ideen und Gleichnissen für eine geistige Entwicklung gerecht zu werden. All das kulminiert jetzt in einer Ausstellung in der Münchner Versicherungskammer Bayern ­ und zwar erstaunlicherweise nicht in fulminanten Aufbauten, sondern in stillen Arbeiten auf Papier.

Fast scheint es, dass Uecker jetzt, mit 67 Jahren, dabei eine Bilanz zieht, die ihn zur Ruhe kommen lässt.

"Letter to China", der "Brief an China", wurde im Vorfeld der Olympiade in der Kunsthalle Tianjin (China) gezeigt. 1984 und ‘94 war Uecker schon im Lande gewesen, vor 13 Jahren sollte dann zusammen mit Pekinger Künstlern eine erste Ausstellung entstehen, die aber die dortige Kulturbürokratie verhinderte. Nun wollte man sich weltoffener zeigen ­ und Uecker selbst ist viel "verträglicher" geworden als in seinen wilden Jahren.

In den 60ern übernagelte er Gebrauchs- und Konsumgüter und revolutionierte mit der Gruppe ZERO die Kunstwelt. Heute ist aus diesen irritierenden, durchaus aggressiven Manifesten, den Fetischen gegen die Konsumfetische, eine ruhige, philosophische Ästhetik geworden: Die Wucht der Nägel ist nur noch in der Masse geblieben, als stiller, haptischer Prägedruck, als Zeichen für Bewegung, Ordnung und Energie. 1997 bis 2005 sind diese weißen Blätter entstanden, die das Zen-Thema imposant anklingen lassen.

Schon in den 80er-Jahren hat sich das Thema der sich wiederholenden und doch zentrierten Strukturen erschlossen: Baumvariationen, schwarze Versprengungen und Verdichtungen zeugen von der Kraft der Konzentration. 1992 sind daraus dann stille Radierungen geworden, die auch die poetische Seite Ueckers zeigen: Trommelnder Regenwirbel schlägt sich auf die Blätter mal zackig, mal sanft verwischend in Ecken, Strichen, Nagelfragmenten nieder und lässt viel Raum für luftige Rhythmen und Meditatives.

Im Gegensatz dazu stehen die vielen Experimente, die Uecker gleichzeitig unternahm: Die "Unalphabethische Handlung" ist eine Reaktion auf die Verhältnisse in Ostsibirien und mit Zeichen und Symbolen auf Zeitungsausschnitten auch ein Zitat der russischen Kunstgeschichte. Die "Wüstenfunde" sind eine Kritik am Umfeld, diesmal an Afrika und Konsumabfällen. Im Sinne der Spurensucher macht sich Uecker ebenfalls an die Schönheit der Wüstenfunde heran und steigert das zu kalligraphischen Wüstenstaub-Bildern. Nach Jahren des Sachlichen und des Kritischen hat sich hier schon das Persönliche, das sanft Expressive wieder eingeschlichen.

Ganz deutlich wird die innerliche Komponente bei den Aquarellen. Der Düsseldorfer, von Haus aus ein Mann des Seriellen, hat sich hier in endlosen Zyklen seine Reiseempfindungen von der Seele gemalt. Wählte man schon für China aus, so hat man für München noch mal eine deutliche und nötige Selektion betrieben. Vietnams Berge in Grautönen, afrikanische Wolkenformationen, auch manche Farbpunktstudie bereichern den Einblick in die Bandbreite des renommierten, hochdekorierten Kunstprofessors. Manche Seelenbilder aber sind in ihrer Süßlichkeit, Einfachheit und Weichheit eher für das eigene Ausleben als für Publikumsaugen nützlich. Der Seelenstriptease ist besser auf den inszenierten, übermalten Fotos gelungen, die einen ästhetisierenden und perfekten, zufrieden lachenden Theatermann zeigen, der nicht umsonst für die Kraft seiner Nagelbilder berühmt geworden ist.

K Bis 2. 9., Maximilianstr. 53, Katalog: 20 Euro. Tel. 089/ 21 60 27 91, Eintritt frei.

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