Nicht mehr wegzudenken

- München - Es sei schwer, für sie eine Berufsbezeichnung zu finden, bekannte Münchens Oberbürgermeister Christian Ude in seiner Festrede für Rachel Salamander, die anlässlich des 20-jährigen Bestehens ihrer Literaturhandlung am Mittwochabend zur Feier in den Saal des Alten Rathauses geladen hatte. Die einzige Bezeichnung, die ihm für Rachel Salamander einfiele, sei "Ermöglicherin". "Sie ist", pries der OB, "eine intellektuelle Autorität in dieser Stadt", einer Stadt, die sich bekanntermaßen "gern gemütlich einrichtet und nicht gerade von sich aus zu den größten intellektuellen Anstrengungen neigt". Um so wichtiger sei es, eine Persönlichkeit wie Salamander in dieser Stadt zu wissen.

<P>Mit der Eröffnung der ersten jüdischen Buchhandlung nach 1945, am 18. September 1982, hat Rachel Salamander in München Großes gewagt. Sie hat nach 50 Jahren die Lücke geschlossen, die die ehemalige "Hauptstadt der Bewegung" 1933 mit der Zwangsschließung der letzten jüdischen Buchhandlungen in München gerissen hat.<BR>Heute, nach 20 Jahren ihrer Existenz, ist die Literaturhandlung als Buchhandlung mit über 7000 Titeln im Sortiment sowie als Ort der Kommunikation und Diskussion nicht mehr wegzudenken aus dem Münchner Kulturleben. Rachel Salamander in ihrer Ansprache: "Inzwischen gibt es eine Generation, für die die Literaturhandlung eine Selbstverständlichkeit, für die sie ganz einfach da ist; eine Generation, die nichts weiß von der schwierigen Situation der Juden im Nachkriegsdeutschland."</P><P>Doch dann stimmte Rachel Salamander inmitten all der Freude auch nachdenklichere Töne an, erinnernd an Martin Walsers nach ihrer Meinung antisemitischen Roman "Tod eines Kritikers" und dessen zum Teil positive Aufnahme: "Es stellt sich die bange Frage, was mit dem Grundkonsens der Nachkriegszeit geschehen ist und wohin die Republik treibt?"</P><P>Dieser Satz diente ihr zugleich als Überleitung zur Fest-Lesung. Jubiläums-Gast war Marcel Reich-Ranicki, der kurze, prägnante Abschnitte vortrug aus seinem soeben erschienenen Buch "Sieben Wegbereiter". Literarische Wegbereiter seines Lebens, Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: eine interessante, höchst vergnügliche Lektüre, ein noch vergnüglicherer Vortrag. Denn wenn Reich-Ranicki seine witzig mit Details gespickten Porträts unter anderem von Heinrich Heine und Bertolt Brecht, Alfred Döblin und Arthur Schnitzler vorträgt, teilt sich gerade das mit, was ihn von allen anderen Kritikern so wesentlich unterscheidet: das Pathos und der Furor, die Leidenschaft und die Liebe, ja, das noch immer jugendliche Schwärmen für seine Dichter und ihre Werke.</P><P> </P>

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