Ich bin nicht quadratisch, praktisch, gut

- Ihre Isolde ist das Ereignis der diesjährigen Bayreuther Festspiele. Und mag sie den neuen "Tristan" dort mühelos dominieren, im Gespräch ist die Schwedin erfrischend "normal", geradlinig und uneitel. Mit ihrem Mann und drei Kindern lebt die Sopranistin in ihrer Geburtsstadt Stockholm. Nach einem Viola-Studium absolvierte Nina Stemme eine Wirtschaftsausbildung, bevor sie sich dem Gesang zuwandte. Der heftig gefeierte Bayreuth-Einsatz ist das Ergebnis einer klug geplanten Karriere: Die 42-Jährige ist im italienischen, französischen und deutschen Fach gleichermaßen aktiv, sang in der abgelaufenen Saison unter anderem die Marschallin in Strauss' "Rosenkavalier" und die Marguerite in Gounods "Faust".

Nach dem Premierenjubel: Haben Sie das Gefühl, Sie haben's jetzt geschafft? Sind sie lockerer?

Stemme: Nein, jetzt beginnt es. Da ich so viel innere Energie habe, muss ich mich eher beruhigen. Es dauert nach einer solchen Vorstellung Tage, bis ich wieder abkühle.

Wie haben Sie Isolde eingeschätzt, bevor Sie mit Regisseur Christoph Marthaler gearbeitet haben?

Stemme: Sie hat viele Charakterzüge. Sie ist mild, intelligent, die Liebende, die Rächende, die Lügende, auch irgendwie dumm, da sie gern spricht, bevor sie denkt. Durch Marthaler habe ich vieles zurückgenommen, manches vergrößert oder ironisiert. Letzteres darf man ja bei ihm, auch wenn das ein wenig Mut erforderte. Weil ich ja weiß, wie das Publikum auf so etwas reagiert.

Was hat Sie am meisten bei Marthaler überrascht?

Stemme: Dass er so ruhig mit diesem Stück umgeht. Ich wusste, dass er musikalisch ist. Und er lässt tatsächlich zuerst die Musik sprechen und will sie nicht stören.

Die "Tristan"-Musik verursacht viele Emotionen. War es schwierig, sich hier so zu reduzieren?

Stemme: Ja, man braucht dafür eine gewisse Körperkontrolle, da die Stimme gleichzeitig voll 'raus muss. Noch dazu hat das Bühnenbild den Klang verstärkt, ihn auch hart gemacht. An solchen Dingen arbeiten wir noch, dafür hat die Zeit, wie ich finde, nicht gereicht. Aber es gibt schließlich die Idee der Werkstatt Bayreuth . . .

Ist Ihnen Isolde sympathisch?

Stemme: Eigentlich nicht. Und durch Marthaler habe ich sie noch unsympathischer als sonst gemacht, kälter, trockener. Sie ist auch irgendwie kleiner geworden. Aber sie hat einfach diese Seiten, sie ist keine Heldin. Eine emanzipierte Frau - was letztlich auch Tristan will. Aber er ist so in sich verschlossen und hat kein Gefühl für die Situation, dass er in unserem konkreten Fall den Liebestrank auch braucht (lacht).

Und was passiert am Schluss? Was ist der "Liebestod"?

Stemme: Sie stirbt, ja. Es ist eine Erlösung für beide. In unserer Tagwelt ist der Tod ja immer etwas Negatives, für die beiden in ihrer Nachtwelt aber nicht.

Wie lassen Sie sich berühren auf der Bühne?

Stemme: Die Emotionen kläre ich während der Einstudierung. Ich weine, wo ich es brauche. Weil ich es in diesem Stadium noch von außen sehe. Auf der Bühne ist es anders. Bei "Madame Butterfly" passiert mir das oft. Ich muss nur zu Hause den Klavierauszug aufschlagen, dann kommen die Tränen.

Wie selbstkritisch sind Sie? Oft scheint es, als ob Sänger gar nicht merken, dass etwas schief läuft.?

Stemme: Ich bin sehr selbstkritisch. Wenn man ein gewisses Niveau, eine gewisse Berühmtheit erreicht hat, besteht sicher die Gefahr, dass keiner sich mehr traut, Kritik zu üben. Diese Angst leben manche von uns ständig mit. Bei mir hat es bislang gut geklappt, die Stimme hat sich durchs Repertoire ganz natürlich entwickelt.

Sind Sie jemand, dem Rollen eher "passieren"? Oder planen Sie die Karriere konkret?

Stemme: Es passiert eher. Ich brauche meine Intuition. Ich bin nicht quadratisch, praktisch, gut.

Sie haben Familie, drei Kinder: Wie kriegt man das mit der Weltkarriere unter einen Hut?

Stemme: Mit meinem Mann, der Bühnenbildner ist, funktioniert das wunderbar, wir teilen uns die Betreuung. Die Kinder werden ja auch älter, die größte Tochter ist elf. Es muss einfach gehen. Ich kenne auch keine gute Karriere ohne Familie. Das ist wohl auch notwendig, diese starke Basis zu Hause.

Wandelt sich da etwas? Es scheint, dass immer mehr Sängerinnen Kinder und Karriere verbinden können - und der "Markt" das auch zulässt.?

Stemme: Wenn man etwas wirklich will, dann funktioniert es auch. Inklusive Babysitter oder Au-pair-Mädchen. Und wenn man sieht, wie es klappt, dann trauen sich das auch andere Frauen. Aber vielleicht hängt das noch mit der veränderten Stellung der Männer zusammen . . . Die emanzipieren sich ja bei der Kindererziehung.

Was sagen denn die Kinder, wenn Sie singen?

Stemme: Die zwei Älteren lieben das, sie haben hier zwei "Tristan"-Durchläufe gesehen. Mein Sohn meinte nach der Hauptprobe: Ok, jetzt kenne ich das Stück, ich muss da nicht mehr hin. Meine Tochter war, als sie drei war, in meiner Kölner "Bohè`me" und hat fast zu viel verstanden. Sie hatte so viele Fragen zum Verhältnis von Rodolfo und Mimi. Kluge Fragen, die einfach zu weit gingen: Wie soll man einem Kleinkind diese verkorkste Beziehung erklären . . .?

Das Gespräch führte Markus Thiel

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