Nicht die richtigen Fragen gestellt

- Im Münchner Hugendubel liegt Günter Grass' "Beim Häuten der Zwiebel" bereits aus. Der Göttinger Steidl-Verlag wollte das Werk erst am 1. September herausbringen. Nun aber ist die Jugend-Autobiografie mit einer Startauflage von 150 000 Exemplaren schon im Handel.

Der Verlag nutzt die Aufregung, die seit Tagen herrscht: Der Literaturnobelpreisträger, der zu einem der wichtigsten Moral-Wächter der Bundesrepublik Deutschland und zum internationalen Aushängeschild geworden war, hatte bekannt gemacht, als Bursche einige Monate bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Er war Ende 1944 eingezogen worden und Anfang '45 in Kriegsgefangenschaft gekommen. Zum Vorwurf wird Grass nicht so sehr gemacht, dass er als Jugendlicher verführbar war, sondern dass er 61 Jahre geschwiegen und sich zugleich zum unfehlbaren Mahner und Warner stilisiert hat.

Nun brodelt außerdem das Gerücht, Grass sei mit seinem Bekenntnis einer anderweitigen Veröffentlichung zuvorgekommen. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" verweist auf ein "NS-Archiv" des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, in dem die Mitgliedschaft des Autors in der Waffen-SS dokumentiert sein soll. Das Bundesarchiv in Koblenz und Berlin hat hingegen keine solchen Unterlagen gefunden. Das gelte auch für die Personalunterlagen der etwa 350 000 SS-Angehörigen, die man 1994 vom Berliner Document Center der US-Behörden übernommen hat. Grass erklärte zu diesen Überlegungen in einem Interview mit NDR Kultur gestern, das sei "abenteuerlich und reine Spekulation". Er habe sich "unter keinerlei Druck durch Veröffentlichung bei Behörden gesehen. Der Zwang, den ich ausgeübt habe, der kam von mir. Ich habe mich gezwungen, darüber zu schreiben."

Die Berliner Wehrmachtsauskunftsstelle (Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen Deutschen Wehrmacht) ihrerseits weist darauf hin, dass die bei ihr lagernden Belege seit über einem Jahrzehnt nicht mehr eingesehen worden seien. Die Institution, durch die Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder das Grab seines Vaters gefunden hat, verwahrt etwa 3600 Tonnen Schriftgut der Wehrmacht und anderer militärischer und militärähnlicher Verbände. Unter dem Material befinden sich zwei "aussagekräftige Blätter" aus den Kriegsgefangenenunterlagen von Grass. Die US-Army dokumentierte damals in Marienbad: "SS-Pz-Div. Frundsberg - Pz Abt."

". . . hast endlich die Narrenfreiheit Deiner erfundenen Helden."

Volker Schlöndorff

Aus dem heute um 22.45 Uhr ausgestrahlten ARD-Gespräch zwischen Grass und Ulrich Wickert wurden einige Zitate bekanntgegeben. Eine Erklärung für sein Verhalten, könne er auch nicht genau geben, so Grass. Weit "kritischer" sei, "dass ich zum Beispiel in meiner Verblendung als Jungvolk-Hitlerjunge zu bestimmten Situationen im engeren Kreis, auch zum Beispiel im Familienkreis, (. . .) nicht die richtigen Fragen gestellt habe". Währenddessen gehen Vorwürfe und Verteidigungen weiter. Autor Wladyslaw Bartoszewski beispielsweise konstatiert einen "tiefen moralischen Bruch". Der Historiker Hans Mommsen hält dagegen die Aufregung für "absurd, denn das öffentliche Geheul wäre um keinen Grad geringer und vermutlich um ein Vielfaches stärker gewesen und die Genugtuung darüber, dass einer bislang als integer geltenden Persönlichkeit der Makel der SS-Mitgliedschaft angeheftet werden konnte, wäre über alle Grenzen gegangen".

Die Allgemeinheit sei "scheinheilig": "Die mangelnde Bereitschaft der Nation, ihre eigene Verstrickung in die NS-Verbrechen einzugestehen und ihr Bestreben, sie auf die NS-Täter im engeren Sinne zu projizieren, ist ja erst die Erklärung dafür, dass vor allem von Angehörigen der späten Kriegsjahrgänge ihre Mitgliedschaft in der Waffen-SS, der NSDAP oder anderen Apparaten des Regimes verschwiegen wurde, um öffentlichen Diffamierungen auszuweichen." Volker Schlöndorff, "Blechtrommel"-Verfilmer, aber gratuliert Grass, "endlich selbst die Narrenfreiheit Deiner erfundenen Helden zu haben".

In der morgigen Ausgabe lesen Sie die Besprechung von Günter Grass' "Beim Häuten der Zwiebel".

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