Vor sechs Jahren wurde das Projekt in Ingolstadt geboren

Nicht nur singen, sondern begreifen

Ingolstadt - Die jungen Sänger der Audi-Jugendchorakademie begeisterten das Publikum bei zwei italienischen Festivals.

Der Pfarrer ist ausgesprochen stolz auf „seine“ Kirche, den Dom von Forlì. Immer wieder sollen hier durch die Jahrhunderte hindurch Wunder stattgefunden haben, so berichtet er mit feuchten Augen beim Rundgang durch das Kirchenschiff. In der Sakristei ziehen sich derweil 70 junge Leute um, legen die Farben ihres Chores an, Schwarz und Rot. Auf Wunder brauchen sich Chordirektor Martin Steidler und Chorleiterin Verena Holzheu indes nicht zu verlassen. Die Mitglieder der Audi-Jugendchorakademie stellen sich zur letzten Probe vor dem Konzert auf. Es herrscht weniger autoritärer Druck als so etwas wie eigenverordnete Disziplin und nach den ersten Tönen ist bereits klar: Hier probt ein erstrangiges Ensemble. Eine Mischung aus Neugier und Vorfreude auf das bevorstehende Konzert, das Teil des renommierten Emilia Romagna Festivals ist, bricht sich Bahn.

Kurz vor dem Konzert herrscht noch gespenstische Ruhe im Kirchenschiff. Die Zusatzstuhlreihen liegen im Dunkel, während der Domvorplatz menschenleer ist. Urplötzlich quillt eine bunte Menschenmenge durch das Portal und füllt den Dom komplett. Instrumentale Begleitung erfährt die Jugendchorakademie durch die vier Hornisten der „Munich Opera Horns“ und durch die Harfenistin Antonia Schreiber. „Il Coro Romantico“ steht auf dem Programmheft. Die Werke von Brahms, Joseph Strauss, Strawinsky, Robert Schumann und Mahler sind bei den Ausführenden in den besten Händen: Sprachverständlichkeit, feingliedrige dynamische Gestaltung und Phrasierungen, die weit über den nächsten Takt hinaus planen, zeigen einen Chor von internationalem Format. Das legt die Teilnahme an internationalen Festivals fast selbstverständlich nahe. So führte die jüngste, höchst erfolgreiche Konzertreise nach Singapur und Taipeh.

Martin Steidler hat den Chor vor sechs Jahren als überaus ehrgeiziges Projekt aus der Taufe gehoben. „Unser Schwerpunkt Chormusik der Romantik erklärt sich auch ein Stück weit aus der Tatsache heraus, dass wir ein Jugendchor sind“, erklärt der Professor für Chorleitung an der Hochschule für Musik und Theater in München. Melancholie, Sehnsucht, Sinnfrage und Mystik sind Themen, die Jugendlichen seit jeher nahestehen.

Die hohe Qualität des Chores ist allerdings keine Selbstverständlichkeit: Jährlich scheiden etwa 15 Prozent der Sänger aus. Aussendungen bis nach Südtirol und Österreich hinein laden zu Castings ein.

Wenn die 16- bis 27-jährigen Chormitglieder in den über das Jahr verteilten, drei- bis viertägigen Probeblöcken zusammenfinden, erfahren sie dort nicht nur professionelle stimmbilderische Ausbildung und durchlaufen klassische Probenarbeit. Martin Steidler schlägt regelmäßig Brücken zum romantisch- weltanschaulichen Unterbau, erklärt Texte und Subtexte. Wer den Chor hört, hört nicht zuletzt deswegen ein „Wir haben verstanden“ heraus.

Die italienischen Besucher in Forlì sind begeistert, der Chor ist berechtigterweise stolz auf sich. Die Konzertreise führt im Bus weiter nach Süditalien in die Nähe von Neapel zum renommierten Festival nach Ravello und dort in das „Auditorio Oscar Niemeyer“. Der futuristische Konzertbau klebt wie ein außerirdisches, strahlend weißes Raumschiff an den Bergen der Postkartenidylle der Amalfiküste. Das Konzert in dem akustisch trockenen, fast überkorrigierten Raum, der jeden Atemzug auflöst, adelt die Perfektion des Ensembles, das am Ende gefeiert wird.

Ausgelassene Fröhlichkeit macht sich daher nach dem gelungenen Konzert im Bus breit. Der quält sich über eine enge Serpentinenstraße zurück zum Hotel, draußen ist es stockdunkel, drinnen wird geblödelt und gesungen. „The Lion sleeps tonight“ fällt einem spontan ein, die anderen stimmen ein, natürlich perfekt harmonisiert. Ein anderer singt anschließend „Wunder gibt es immer wieder!“. Das hätte wohl auch den alten Pfarrer im Dom zu Forlì gefreut.

Christof Fiedler

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