Nicht auf dem Standbein der Moral

- "Kinder brauchen Märchen", plädierte der Psychologe Bruno Bettelheim 1977. Dabei waren Grimms Märchen ursprünglich gar nicht für Kinder. "Aber es kommt ihnen recht erwünscht", so Jacob Grimm, "und das freut mich sehr". Bettelheim folgerte, die Märchen böten den Kleinen Beispiele, "wie bedrückende Schwierigkeiten vorübergehend oder dauerhaft gelöst werden können". Gute Märchen also kommen in den Bettelheim. "Böse Märchen" aber, so weiß man seit Donnerstagabend, kommen in den Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels.

Dort, unter der Regie des Bühnenbildners Marcel Keller, fußen die rar bekannten bösen Zeilen gut. Wenn auch nicht auf dem ihnen zugedachten Standbein der Moral, sondern, viel besser, auf dem ihnen zuinszenierten Spielbein der Ironie. Sechs Darsteller und gut drei Dutzend Rollen umfasst das märchenhaft bissige Ensemble. Doch es gibt noch einen siebten Mitspieler, Kellers Bühne: ein sich drehender Zauberwürfel, der angesichts der Grimm-Andersen-Afanasjew-Perrault-Kurzcollage in immer neuen farbigen Kombinationen kuriose Geistesfunken ausspuckt. Dabei findet er bis zum Schluss keine Ordnung; die Fantasie grüßt hier weniger mit Perfektion als mit nonchalantem Charme.

Statt Abrakadabra: Ene mene Miste. Längeres Gruseln wie in Andersens "Der Schatten" umklammert kurzen Horror wie in Grimms "Eigensinnigem Kind", doch ihre Verbindung ist nur lose durchs "Es war einmal" bestimmt. Die Figuren erzählen sich selbst, und vor allem Richard Beek und Heide von Strombeck lassen die erlebte Rede wieder schillern: als Elixier des Theaters.

Sprühende Naivität

"Ei was, lustig hab' ich mich gemacht. Wenn ich nur wüsste, was Gruseln wäre!" Das denkt sich nicht nur der Eine, "der auszog, das Fürchten zu lernen", sondern auch der Zuschauer. Denn "Böse Märchen" entwaffnen Neid, Hass, Lug und Trug der elf Erzählungen, die ihre "Schwierigkeiten" so gar nicht Bettelheimisch lösen (sondern zumeist im kurzen Todes-Prozess), mit sprühender Naivität. Das frech geballte Märchenzitat aus Text, Bühne und Ann Poppels Kostümen garantiert dabei die Fallhöhe der Entzauberung. Wenn Maximilian Löwenstein als Oberlehrer das böse Märchen vom "Unglück" in seine Bilderrätsel-Einzelteile zerlegt und so als schadenfrohe Formel entlarvt. Wenn Lena Dörrie und Katharina Gebauer in Grimms "Bärenhäuter" als kandierte Gören Süßigkeiten kauen, bevor Matthias Eberth sein extra wildhaariges Antlitz für ein extra herzhaftes Familienfoto-Cheese öffnet.

Bei allem Spott, es bleibt eine Hommage. Die Märchen allein lässt Keller sprechen, in ihren Worten beginnt und endet er. Und wenn er damit auch keine Früchte für die Brüder-Grimm-Gesellschaft erntet, die spontan heruntergefallenen schmecken doch köstlich im Kompott.

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