Ich bin ja nicht der Tell

- Ein berühmter Mann, ein seltener Gast: Rolf Hochhuth kommt. 74 Jahre alt und kein bisschen leise. Den Zorn der jungen Jahre, den Furor des Aufklärers, die Empörung des Moralisten hat er sich bewahrt und eckt damit naturgemäß an. Heute, 20 Uhr, liest der Schriftsteller (u.a. "Der Stellvertreter") in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft Szenen, Gedichte, Anekdoten (Tel. 089/39 19 97).

<P class=MsoNormal>In der kleinen Lach & Schieß: Sind Sie nicht größere Räume gewohnt?<BR>Hochhuth: Ich bin sehr geehrt, am Ursprungsort von Dieter Hildebrandt zu lesen.</P><P class=MsoNormal>Wie kam es dazu?<BR>Hochhuth: Ich habe durch einige Glücksumstände den gleichen Impresario gefunden wie Hildebrandt. Der hat das in die Wege geleitet. Es hat mich selbst sehr überrascht.</P><P class=MsoNormal>"McKinsey kommt" heißt Ihr letztes Theaterstück. So ist auch der Abend in der Lach & Schieß überschrieben. Aber Sie lesen nicht nur aus dem Drama?<BR>Hochhuth: Ich lese aus dem Stück nur eine Szene; es kommt etwas aus "Nietzsches Spazierstock"; dann muss ich notgedrungen, weil ich doch so in Verruf gekommen bin wegen des jungen Irving, zunächst aus dem "Spiegel" vorlesen, der mich rehabilitiert hat. Und natürlich Gedichte. Da ist eines darunter, das ich selbst nicht verstehe. Es heißt: "300 Jahre oder die neunte Welle" und beschäftigt sich mit dem Phänomen, dass bei Seebeben die Meeresoberfläche zunächst glatt erscheint und erst die neunte Welle die tödliche ist. Ich habe nun eine eigenartige Parallelität festgestellt: 300 Jahre dauerten die meisten großen, bekannten Dynastien - das sind neun Generationen -, dann erlöschen sie. Keiner weiß, warum das so ist oder ob es einen Zusammenhang mit dem Naturereignis gibt.</P><P class=MsoNormal>Zufall.<BR>Hochhuth: Eine geheimnisvolle Frage. Ich halte es für ausgeschlossen, dass es purer Zufall ist. Von dem Schriftsteller Otto Flake stammt der Satz: Jeder Autor kommt einmal in die Verlegenheit, eine Geschichte zu schreiben, an die er selbst nicht glauben kann. Es gibt ja so Unerklärliches. Eines dieser Phänomene erlebt jeder Mensch mindestens zweimal im Monat: die Gedankenübertragung. Ich finde es sehr hoffnungsvoll, dass es etwas gibt, was wir nicht wissen können.</P><P class=MsoNormal>Kommen wir zu dem, was gewiss ist: Sie werden nicht mehr viel auf dem Theater gespielt. Hat das nach Ihrer Meinung etwas mit der Form Ihrer Stücke zu tun oder mit deren Inhalt?<BR>Hochhuth: Es hat gar nichts mit meinen Stücken zu tun. Lange Zeit habe ich geglaubt, es läge am Inhalt, er sei zu politisch. Nicht, weil ich Politik schreibe, werden meine Stücke nicht gespielt. Unsere ganze Generation - eine Spanne etwa von 30 Jahren - wird nicht oder kaum aufgeführt - Frisch, Walser, Dürrenmatt, Kroetz, Hürlimann . . . Wir kommen nicht mehr vor. Es ist so. Wie bei den Verlagen, so ist es auch bei den Intendanten: Jede Generation will ihre eigenen Autoren haben. Aber immerhin: Die Tourneetheater sind unserer Generation treu. Und da stellt sich heraus: Das Publikum lehnt uns nicht ab.</P><P class=MsoNormal>Theater als Ort der Aufklärung: Ist das denn noch aktuell?<BR>Hochhuth: Das könnte es noch sein. Denn das Publikum will gefordert werden. Der "Wilhelm Tell" ist sicherlich ein problematisches Stück. Doch seit 150 Jahren ist es das meistgekaufte Reclamheft. Das Publikum liebt die provokante Aufklärung.</P><P class=MsoNormal>Dennoch: Ist das politische Theater tot?<BR>Hochhuth: Man will Politik nicht auf der Bühne. So eine Schande. Denn das deutschsprachige Theater wird so königlich subventioniert wie keines auf der Welt. Die politischen Stücke müssen gespielt werden. Aber es ist die Spaßmachergesellschaft, die heute in den Theatern regiert.</P><P class=MsoNormal>Ist es nicht dabei, sich gerade wieder zu ändern?<BR>Hochhuth: Als ich mit 16 von der Schule abging, weil ich Schriftsteller werden wollte, und anfing, so herumzukritzeln, da war es verpönt, gegenständlich zu malen oder Reime in ein Gedicht zu bringen. Wenn man das tat, war man von gestern. Das hat sich 30 Jahre lang gehalten und hat sich heute vollkommen erledigt. Die Jungen malen konkret, die Lyrik ist auch zur festen Form zurückgekehrt. Und so wird auch das Politische nicht auf Dauer von der Bühne verbannt bleiben. Außerdem, die meisten großen Dramen der Weltgeschichte sind ja politisch.</P><P class=MsoNormal>Womit wir bei Schiller wären. Ein Dichter, dem Sie sich besonders verbunden fühlen?<BR>Hochhuth: Ich war ihm teilweise sogar hörig. Demnächst werde ich eine Schiller-Rede halten. Mit dem Untertitel: "Schillers Leitbild - der Che Guevara Europas".</P><P class=MsoNormal>Sie denken da an seinen "Wilhelm Tell"?<BR>Hochhuth: Der Tell ist nun mal ein Leitbild. Ein aktuelles; denn ich bin überzeugt, dass uns mit fünf Millionen Arbeitslosen auch die Revolution ins Haus steht.</P><P class=MsoNormal>Ihre mehrfach öffentlich vorgetragene Kritik manifestiert sich vor allem an Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann.<BR>Hochhuth: Er ist eine einzigartige Unternehmergestalt, weil er der Erste ist, der die beispiellose Schamlosigkeit aufgebracht hat, kurz vor Weihnachten öffentlich die Entlassung mehrerer Tausend Banker mit der Steigerung der Rendite des Eigenkapitals um 25 Prozent zu begründen. Natürlich wird ein solcher Mann erschossen werden. Da kenne ich mich in der Geschichte aus. Wenn die legalen Rechtsmittel versagen, bleibt nur so etwas. Weil wir seit 60 Jahren im tiefsten Frieden leben, denken wir, dass solche Gesetze der Geschichte keine Geltung mehr hätten. Das ist ein Irrtum.</P><P class=MsoNormal>Als Sie im vergangenen Sommer auf dem Schweizer Rütli bei der Premiere des "Wilhelm Tell" waren, war auch Josef Ackermann unter den Ehrengästen. Sie hätten ihn treffen können.<BR>Hochhuth: Ich hätte ihn natürlich nicht erschossen. Ich bin ja nicht der Tell. </P><P class=MsoNormal>Das Gespräch führte Sabine Dultz</P>

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