S-Bahn-Schütze von Unterföhring: Das Urteil ist gefallen

S-Bahn-Schütze von Unterföhring: Das Urteil ist gefallen

Nicht in Theorien verheddern

Kammerorchester: - Die Klavierlehrerin war wohl schuld. Denn seinerzeit legte sie dem kleinen Nikolaus Stücke von Hindemith und Schönberg aufs Pult -­ was den Schüler nicht sonderlich schreckte, vielmehr animierte: "Das kann ich selber." Und fortan spielte Nikolaus Brass nicht nur, sondern komponierte. "Wie juveniles Tagebuch- oder Gedichteschreiben eben", charakterisiert er heute seine Ersttaten.

Lange hat es gedauert, bis Nikolaus Brass auch öffentlich zu seinen Arbeiten stand. "Seit rund zehn Jahren "lasse ich das zu." Und der mittlerweile 57-Jährige, der in der Nähe von Fürstenfeldbruck lebt, ist gefragter denn je. Musiker bitten ihn um Werke, vor einiger Zeit klopfte auch das Münchener Kammerorchester an: "Von wachsender Gegenwart", ein Opus für 18 "isoliert geführte Streicher", wird heute unter der Leitung von Alexander Liebreich uraufgeführt (Prinzregententheater, 20 Uhr).

Einordnen lässt sich Nikolaus Brass nicht. Vielleicht über Negativ-Definitionen: Er ist kein Dogmatiker, kein "Bediener" von Moden und Stilen. Was auch daran liegt, dass der gebürtige Lindauer zweigleisig fährt. Brass ist eigentlich studierter Mediziner, arbeitete auch als Klinik-Arzt und ist seit 1982 Redakteur einer Medizinzeitung. Und da mag es schon sein, dass einer wie er, der mitten im Leben steht und nicht betriebsblind im Elfenbeinturm sitzt, auch lebensnäher komponiert.

Mit den Biotopen für die Moderne kann Brass wenig anfangen. Zur Münchener Biennale fällt ihm nicht übermäßig viel Positives ein, ebenso zu manch anderem Festival. "Es gibt eine gewisse Enge bei der Neuen Musik. Und es gibt überzeitliche Errungenschaften. Nicht Donaueschingen ist ein Muss, sondern Brahms oder Haydn oder Morton Feldman." Ein Konservativer ist Brass deshalb noch lange nicht, aber eben ein Unabhängiger, der sich ungern in Theorien verheddert. "Mein Komponieren geht nicht von abstrakten Fragestellungen aus", erläutert Brass.

"Es gibt eine gewisse Enge bei der Neuen Musik."

Nikolaus Brass

Manchmal seien das Erlebnisse oder auch Zitate wie beim Werk fürs Kammerorchester: Die Formulierung "von wachsender Gegenwart" benutzte Carl Dahlhaus in seinem Beethoven-Buch. Komponieren ist für Brass "das Konkretisieren von Lebensgefühlen oder Gestimmtheiten". Dazu gehört auch, dass die Spielsituation berücksichtigt wird. "Ich fantasiere mich da so in die Situation des Orchesters hinein."

Als Komponist unabhängig werden, war bislang nicht drin. Brass braucht den Brotberuf, um sich die Leidenschaft zu ermöglichen. Dass er, der Psychiater werden wollte, dann doch die Finger von der Facharzt-Ausbildung ließ, hängt mit dieser Leidenschaft zusammen: "Ich sagte mir: Halt! Du kannst nicht die Verantwortung für Patienten übernehmen, wenn du deinen eigenen inneren Raum weiter kultivieren willst."

Dass er sich in der Musikszene etabliert hat, überrascht ihn fast täglich. Und: Brass kann, wie gerade jetzt nach einer Probe beim Kammerorchester, "richtig kindlich glücklich sein", wenn seine Musik erklingt. Das Loslassen vom Stück sei dabei nicht leicht. "Es gibt einen inneren Punkt des Abschließens, der ein sehr überwältigender Moment sein kann. Wie ein Abschied." Gut möglich, dass sich diese Abschiede künftig häufen -­ vielleicht noch drei Jahre, dann will Nikolaus Brass den Brotberuf aufgeben. Zum Beispiel, um den Traum eines Musiktheaters, der um das Thema "Abdankung" kreist, zu verwirklichen. Jetzt fehlt nur noch der Auftraggeber.

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