Nicht virtuoses Turnen, sondern Ballett als hohe Kultur

"Giselle": - Eine Sternstunde. Aber im Grunde treffen solche runden Schlagwörter nicht. Was das St. Petersburger Mariinsky-Ballett jetzt mit dem romantischen Klassiker "Giselle" (von Petipa) im Zuschauer auslöste, war: stilles Entzücken. Die staunende Freude darüber, dass ein Ballett mit historischem Bewusstsein und dennoch ganz frisch, ja modern getanzt werden kann. Dass Ballett eben nicht virtuoses Turnen ist, sondern eine hohe Kultur.

Am Ende explodierten regelrecht die Ovationen für Corps und Olesya Novikova und Leonid Sarafanov, offensichtlich von den drei entsandten "Giselle"-Paaren das jüngste - und ein sehr anrührendes.

Alles war günstig, sogar das traditionelle, aber äußerst geschickte "Winzerdorf"-Dekor: So weit und licht ist uns die Bühne des Münchner Prinzregententheaters selten vorgekommen. Gar kein Gedränge beim Winzervölkchen in tänzelnden Pulks und offenen Karrees oder im zweiten Akt bei den durcheinanderscherenden 26 weißen Wilis. Es wogt und wiegt sich das Corps in großflächigen Gruppierungen, präzise und von der Musik auffallend "schrittmarkierend" gestützt. Alexander Polianitschko und das Mariinsky-Orchester sind sich hörbar für Ballett nicht zu schade. Adolphe Adams Musik bekommt da viel Klangfarbigkeit und der Tanz eine pointierte Konturiertheit.

Besonders spannend an diesem Abend ist der Vergleich mit Peter Wrights in München getanzter "Giselle"-Fassung. Wright wie auch Yuri Slonimsky, der das Ballett 1978 fürs Mariinsky rekonstruierte, berufen sich auf die Ur-Choreographen. Aber in den wie Versailles-Rabatte gezirkelten Formationen, in so noch nie in "Giselle" gesehenen Schritten und Sprüngen wirkt Slonimskys Version doch um einiges näher am Original. Und dieses "historische" Vokabular, darunter die häufig vorkommenden "batteries" ( die mehrmals schnell in der Luft gekreuzten und angeschlagen Beine), scheint für Leonid Sarafanov - ein phänomenal federleichter jugendlicher Albrecht - bloß ein Kinderspiel. Etwas muskulöser, aber auf gleichem Niveau virtuos-elegant Vladimir Shklyarov, der mit der anmutigen Valeria Martinuc einen hochgradig komplizierten Bauern-Pas-de-deux tanzt.

Was sich hier so glasklar zeigt, ist die bis heute eng verknüpfte Schul- und Ballett-Tradition. Nicht nur, dass die Mehrzahl der Ensemble-Mitglieder aus der St. Petersburger Waganowa-Talenteschmiede kommt. Jeder Mariinsky-Solist hat auch seinen eigenen Coach, einen Pädagogen, der ihn ständig in Fragen Technik und Stil betreut, berät. Stil ist oberstes Gebot. Und deshalb geht das bei den Mariinskys auch wunderbar zusammen: die bis ans Ohrläppchen gehobenen Beine und die zarte romantische Geste.

Wie Olesya Novikova ihre Supertechnik einschmilzt in die Rolle einer betrogenen und dann verzeihenden Liebenden, das ist das russische Ballett des 21. Jahrhunderts.

Heute: Uljana Lopatkina und Igor Kolb in "Giselle". Morgen: Gala. Jeweils 19.30 Uhr.

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